Auswandern als Ärztin

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Auswandern als Ärztin

Beitragvon Loktoive » So, 18. Jun 2017, 18:32

Hei hei,

ich bin eine Medizinstudentin im höheren Semester, studiere in Berlin und spiele mittlerweile immer mehr mit dem Gedanken nach dem Studium nach Norwegen auszuwandern. Nun plagen mich diesbezüglich schon länger einige Fragen. Die Informationen, die man zum Thema "Arzt und Auswanderen nach Norwegen" bekommt, sind generell sehr positiv, aber meistens auch einige Jahre alt. Daher schieße ich jetzt einfach mal los:

Ist hier jemand als Ärztin/Arzt nach Norwegen ausgewandert?
Hat man bessere Chancen direkt nach dem Studium oder wenn man bereits eine Facharztausbildung abgeschlossen hat?
Wie kann man sich den Arbeitsalltag vorstellen? Gibt es auch so unendlich viele Überstunden (die in Deutschland grade an größeren Häusern oft aus dem System gelöscht werden)? Gibt es 24-Stunden-Dienste?
Wie sieht es vor allen Dingen in der Chirurgie aus? Ist der Arbeitsalltag in diesem Bereich auch angenehmer als in Deutschland?
Falls es sogar jemanden gibt, der in der Neurochirurgie arbeitet oder jemanden kennt, würde ich mich besonders über Berichte freuen, weil ich höchstwahrscheinlich diese Richtung einschlagen möchte.
Unterscheiden sich die kleineren Krankenhäuser von den Unikliniken? Denn die Neurochirurgie gibt es nur in den Unikliniken, soweit ich weiß.
Wie gut lässt sich Familie mit dem Beruf unter einen Hut bringen? Vor allen Dingen in den chirurgischen Fächern?
Gerade die Vereinbarkeit von Familie und Beruf würde mich sehr reizen.
Wird der medizinische Doktortitel anerkannt? Ich habe eine recht aufwendige, experimentelle Doktorarbeit in der Neurochirurgie. Da ich aber auf irgendeiner Seite gelesen habe, dass der Weg zum norwegische Doktortitel (ich denke mal ähnlich wie beim PhD?) noch viel umfangreicher ist, gehe ich mal davon aus, dass der deutsche Doktortitel daher nicht anerkannt wird. (?)

Vielen Dank im Voraus für eure Antworten und hjertelig hilsen,
Kati
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Re: Auswandern als Ärztin

Beitragvon Ari » So, 18. Jun 2017, 20:38

Hei,

dann versuche ich mal einige Fragen zu beantworten:
Loktoive hat geschrieben:Ist hier jemand als Ärztin/Arzt nach Norwegen ausgewandert?

Ich bin vor 3 Jahren ausgewandert - nach dem Facharzt.

Hat man bessere Chancen direkt nach dem Studium oder wenn man bereits eine Facharztausbildung abgeschlossen hat?

Es ist mittlerweile schwieriger geworden als Assistenzarzt eine Stelle zu bekommen. Auch für Norweger. Die Facharztausbildung wird gerade umgestellt, einiges ist noch nicht geklärt. Bisher gab es einen "turnus", der obligatorisch war und dies war durchaus ein Nadelöhr. Bei uns in der Klinik gab es immer einige "vikare" (das heisst befristete Anstellung) von fertigen Studenten, die auf den turnus warten. Arbeiten darf man dann bereits mit einer student lisens. Das Arbeiten zählt aber nicht für den Facharzt. Der turnus geht dann demnächst auf in LIS 1 stilling, aber ich gehe davon aus, dass das "Nadelöhr" weiterhin besteht. Als Facharzt ist es deutlich leichter eine Stelle zu bekommen. Unmöglich ist es aber sicherlich nicht als Assistens unterzukommen, aber dann eher nicht an den Unikliniken und im Süden des Landes.

Wie kann man sich den Arbeitsalltag vorstellen? Gibt es auch so unendlich viele Überstunden (die in Deutschland grade an größeren Häusern oft aus dem System gelöscht werden)? Gibt es 24-Stunden-Dienste?


Ich habe das Glück, das es an meiner Klinik keine Dienste gibt, bzw. ich angerufen werden kann, aber nur zu "annehmbaren" Uhrzeiten. Habe also selbst keine Erfahrung mit Diensten in Norwegen. Insgesamt ist das Leben und Arbeiten hier jedoch deutlich entspannter. Sicherlich - es kann hektisch sein, an der Uniklinik mehr als an kleineren Häusern, Überstunden schreibe ich jedoch alle auf und kann sie abspazieren (eigener Wunsch). Die Hierachie ist deutlich flacher! In meinem ersten Job habe ich in einer Privatklinik gearbeitet in recht hoher Position - hier war Freizeit Mangelware und es war mir letzt endlich auch zu viel "administration" und zu wenig Patientkontakt, so dass ich mich zum Wechsel entschiedenn haben. Hier stimmten aber auch einfach einige Grundvoraussetzungen nicht, das war sicherlich nicht representativ.

Wie sieht es vor allen Dingen in der Chirurgie aus? Ist der Arbeitsalltag in diesem Bereich auch angenehmer als in Deutschland?

Ja -zumindestens was ich so von Kollegen gehört habe.

Falls es sogar jemanden gibt, der in der Neurochirurgie arbeitet oder jemanden kennt, würde ich mich besonders über Berichte freuen, weil ich höchstwahrscheinlich diese Richtung einschlagen möchte.
Unterscheiden sich die kleineren Krankenhäuser von den Unikliniken? Denn die Neurochirurgie gibt es nur in den Unikliniken, soweit ich weiß.


Unikliniken sind sicherlich hektischer und es ist auch deutlich schwieriger eine Stelle zu bekommen. Ein norwegischer vikarlege meinte mal, dass man eigentlich bereits seine Dr. Arbeit dort gemacht haben müsste, um eine Stelle zu bekommen. Ob das so ist, weiss ich nicht. Neurochirurgie gibt es wenige in Norwegen, ich nehme an, dass es nicht einfach ist, hier eine Stelle als Assistent zu bekommen.

Wie gut lässt sich Familie mit dem Beruf unter einen Hut bringen? Vor allen Dingen in den chirurgischen Fächern?
Gerade die Vereinbarkeit von Familie und Beruf würde mich sehr reizen.


Zumindestens in meinem Bereich ist sie grandios. :) Aber ich würde schon sagen, dass die Vereinbarkeit von Klinik und Familie insgesamt in Norwegen deutlich besser ist als in Deutschland. Es ist normal Kinder zu haben und es ist auch normal, dass diese versorgt werden müssen.

Wird der medizinische Doktortitel anerkannt? Ich habe eine recht aufwendige, experimentelle Doktorarbeit in der Neurochirurgie. Da ich aber auf irgendeiner Seite gelesen habe, dass der Weg zum norwegische Doktortitel (ich denke mal ähnlich wie beim PhD?) noch viel umfangreicher ist, gehe ich mal davon aus, dass der deutsche Doktortitel daher nicht anerkannt wird. (?)

Nun ja - was heisst anerkannt. Ich habe meinen Titel nirgendwo offiziell annerkennen lassen (wüsste auch nicht, wo das ginge), aber er steht natürlich in meinem Lebenslauf und wird erwähnt, wenn es um Vorträge und Kongresse oder ähnliches geht. Ansonsten spricht man sich hier aber mit Vornamen an, so dass er im Alltag nicht gross vorkommt.

Ich hoffe, einige Antworten helfen Dir weiter. Insgesamt haben wir es bisher nicht bereut ausgewandert zu sein. Meine Kinder waren damals 4 und 1. Mittlerweile haben wir ein Haus gekauft, die Kinder und wir sind gut integriert und eine Rückwanderung können wir uns nicht vorstellen. Im Herbst kommt das dritte und meine Kollegen haben ausnahmslos positiv reagiert!

Warst Du denn bereits in Norwegen? Es ist sicherlich nicht schlecht, zum Beispiel über Famulatur oder PJ bereits Kontakte zu knüpfen. Wichtig ist auch die norwegische Sprache. Die Zeiten, dass man nur mit englisch und deutsch eine Stelle bekommt, sind vorbei!

Viele Grüsse erst mal, beantworte gerne weitere Fragen, wenn diese auftauchen.
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Re: Auswandern als Ärztin

Beitragvon ChristianAC » Mo, 19. Jun 2017, 10:21

@Loktoive

Parallel zu deiner strategischen Ausrichtung bzgl. Studium und Facharzt solltest du dich wegen Autorisasjon schlau machen.
Ohne die brauchst du im norwegischen Gesundheitssystem gar nicht erst auf die Suche gehen.

Darüber ist Norwegen auch nicht mehr das Land so Milch und Honig fliesst, wo du in irgendne Klinik maschieren, den
Kittel überwerfen und dann einfach anfangen konntest. Die Zeiten sind definitiv durch.

Wenn du gerade bei Kundenkontakt nicht fundierte Sprachkenntnisse mitbringst, wird das nichts werden.

Darüber hinaus mal ein wenig zur Fachrichtung.......

Bei 80Mio Einwohnern kann man sich in Deutschland den Luxus leisten seinen Facharzt quasi für jedes Bakterium einzeln
zu machen.
Norwegen vereinfacht das ganz stark und diversifisiert das nicht so stark.

@Ari

Es wäre vielleicht nett als Insider, wenn du noch so ein bischen als Insider aus dem einfachen Alltag berichtest, denn
wenn man mit deutschen Standards nach Norwegen kommt, kann man schon die eine oder andere Überraschung
erleben.......ich sag zB. nur Blutabnahme ohne Desinfektion der Einstichstelle.

Mvh

Christian
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Re: Auswandern als Ärztin

Beitragvon Loktoive » Mo, 19. Jun 2017, 19:44

@Ari:
Vielen lieben Dank für deinen Bericht! Das klingt ja schon mal ganz gut.
Darf ich fragen, welche Fachrichtung du eingeschlagen hast?

Das entspricht dann dem, was ich bisher gehört habe, dass es als Facharzt etwas einfacher ist als als Assistenzarzt. Falls ich wirklich nach dem Facharzt auswandern wollen würde, kann sich bis dahin natürlich auch wieder einiges zum negativen oder positiven entwickelt haben.
Ich lerne seit ca. einem Jahr Norwegisch, erst etwas unregelmäßig und autodidaktisch und jetzt in einem VHS-Kurs und ich liebe die Sprache. Momentan mache ich ein Freisemester wegen der Doktorarbeit, aber danach komme ich ins 7. Semester und habe dementsprechend auch noch Zeit, weitere Kurse über die nächsten Semester zu belegen. Letztens war ich auch mit zwei Freunden in Oslo, die dort ihr Auslandssemester haben werden.
Nächstes Jahr im Herbst würde ich sehr gerne eine Famulatur in der Neurochirurgie in Norwegen machen, sprich bis dahin werde ich mich weiter mit der Sprache ins Zeug legen, da man wohl grade an den Unikliniken häufig nicht als Famulant genommen wird - vor allen Dingen, wenn man die Sprache nicht beherrscht. Alternativ werde ich mich auch an kleineren Häusern in der Neurologie bewerben.

@ChristianAC:
Neurochirurgen gibt es in Norwegen, wenn auch sehr wenige im Vergleich zu anderen Fachrichtungen und in Deutschland gibt es auch überall Menschen, die der Meinung sind, dass Desinfektion nicht vonnöten ist. Zwei Freunde von mir, die in Oslo ihr Auslandssemester machen, müssen sich erst in Deutschland UND nochmal in Norwegen auf MRSA testen lassen, um Patientenkontakt haben zu dürfen. Das ist in Deutschland wiederum kein Standard.
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Re: Auswandern als Ärztin

Beitragvon Ari » Fr, 30. Jun 2017, 10:38

Hei,

ChristianAC hat geschrieben:@Ari

Es wäre vielleicht nett als Insider, wenn du noch so ein bischen als Insider aus dem einfachen Alltag berichtest, denn
wenn man mit deutschen Standards nach Norwegen kommt, kann man schon die eine oder andere Überraschung
erleben.......ich sag zB. nur Blutabnahme ohne Desinfektion der Einstichstelle.


Tja, was soll ich erzæhlen - es ist nicht alles super hier, ich denke aber, so schlecht, wie es zum Teil dargestellt wird, ist es auch nicht! Und auch aus deutschen Kliniken gibt es Geschichten zu erzæhlen... Hinsichtlich der Blutabnahme - nun ja, darueber gibt es Diskussionen, wie es fachgerecht gemacht wird. So wie es in vielen deutschen Kliniken/ Arztpraxen gemacht wird - næmlich mal eben mit einem feuchten Tupfer rueberwischen, bzw spruehen und gleich wegwischen, ist es næmlich auch nicht fachgerecht, da man die Einwirkzeit der Desinfektionsmittel beachten muss, um eine Wirkung zu erzielen. Generell ist das System hier nun mal ein ziemlich anderes - der fastlege (Hausarzt) ist der Primæransprechpartner und hier kann man sehr gute und sehr schlechte erwischen. Man ist aus Deutschland verwøhnt, dass man einfach direkt zum Facharzt gehen kann (wobei auch hier - je nach dem, wo man in Deutschland wohnt - eine mehrmonatige Wartezeit einzurechnen ist). Und wenn einem die Meinung nicht gefællt, geht man zum næchsten. Das geht hier nicht, es sei denn, man bezahlt privat.

Ich selber bin im Bereich Rehabilitation/ Schmerzmedizin tætig - und ja - es gibt einige Sachen, die ich negativ sehe - Stichwort, wer bekommt eine Reha, wann gibt es diese, wie lange muss man hierauf warten. Der Rehabilitationsbereich ist definitiv ausbaufæhig in Norwegen. Wenn ich jedoch an meine Zeit in Deutschand zurueck denke, mit welcher Anspruchshaltung manche Patienten ihre Behandlung einfordern, jedoch ohne Motivation selber etwas zu tun/ zu ændern, ist auch das nicht das optimale System. Es tut sich einiges hier in Norwegen und ich selber nutze durchaus die Møglichkeiten, um auch Verænderungen zu erreichen.

Das fachliche Niveau meiner Kollegen ist sehr gut, die der anderen Fachgruppen auch - da kann ich nicht meckern. Es gibt Abteilungen in manchen Krankenhæusern, da ist die Zusammeenarbeit schwierig - von den Unikliniken in Oslo kann ich hinsichtlich Zusammenarbeit nur positives berichten.

Ich will auch gar keine Diskussion vom Zaum brechen, es ist anders hier in Norwegen - dessen muss man sich bewusst sein - sei es nun, dass man es als Patient nutzen musss oder dass man in eben diesem Gesundheitsbereich arbeiten will.

Hinsichtlich der Autorisation als Arzt - das klappt mit der deutschen Approbation problemlos, man braucht allerdings etwas Zeit, das viele Dokumente beglaubigt uebersetzt werden muessen und man spezielle Dokumente von deutschen Æmtern anfordern muss. Das selbe gilt fuer die Anerkennung der Facharztpruefung.

Und hinsichtlich der Sprachkenntnisse - ja, dies wird mittlerweile vorausgesetzt, das war wohl frueher anders. Ich halte dies aber fuer normal - man sollte schliesslich mit seinen Patienten kommunizieren sollen und zwar in der Sprache, die der Patient am besten spricht... ;)

Viele Gruesse,
Ari
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