Küstenkultur: Norwegens Leuchtfeuer
„Leuchtturmreise“ entlang der norwegischen Küste
Teil 32
Sørhaugøy (Tonjer) – Haugesund - Rogaland
2010 von Haraldshaugen, Haugesund aus gesehen
Das Leuchtfeuer Tonjer liegt auf der Insel Sørhaugøy, der nördlichsten der Vibrands-Inseln, nordwestlich von Haugesund. Der offizielle Name des Feuers war Sørhaugøy, wie die Insel. Bei den Haugesundern war es als Tonjer bekannt, was so viel wie Landzunge bedeutet.
Die Anlage besteht heute aus einem kirchenähnlichen weißen Gebäude mit Turm, einem rot angemalten Seehaus und Brunnen. Seinerzeit bestanden auch noch ein Nebengebäude und ein Ölhaus, in dem das Öl für das Leuchtfeuer gelagert wurde.
Vor Haugesund befand sich von 1807 bis etwa 1870 eine große Heringsfischerei. Zu dieser Zeit nahm auch der Handel erheblich zu - und nicht nur die Küstenfahrt sondern auch Auslandsfahrten - so dass Bedarf an mehreren Leuchtfeuern für eine sichere Navigation entstand.
Der junge norwegische Staat, nun nicht mehr unter der dänischen Herrschaft, sondern in der Union mit Schweden, förderte die wirtschaftliche Expansion, griff in die Regulierung der Fischerei ein und schaffte Grundlagen für einen gesunden Aufschwung. Einer dieser Teilbereiche war eben die Entwicklung des Leuchtfeuerwesens für die Sicherheit der Schifffahrt. Wie in vorherigen Schilderungen erwähnt, beanspruchten verschiedene lokale Vereinigungen, ob Reeder, Kaufleute oder Seeleute, Priorität für ihren jeweiligen Küstenabschnitt.
In den 1830er Jahren äußerte das Parlament Verständnis dafür, dass die Küsten, insbesondere der Südosten und Südwesten, mit einer ausreichenden Zahl von Leuchtfeuern und Seezeichen ausgestattet werden müsste. 1841 wurde das Amt des Leuchtfeuerdirektors gegründet. Hier liefen nun alle Anliegen für den Bau der Leuchtfeuer zusammen.
Zwischen 1840 und 1850 entstanden daher 20 neue Leuchtfeuer, acht kleine Fischereifeuer, fünft Küstenfeuer und sieben Ansteuerungs- und Hafenfeuer. Tonjer war eines dieser Leuchtfeuer.
Für das Budget 1845 bis 1848 wurden Mittel für ein „Leitfeuer am Nordufer der Vibrandsinseln“ bewilligt. Vorausgegangen waren Eingaben und Anstrengungen mehrerer Bürger nicht nur aus Haugesund, sondern auch aus Stavanger, Sogndal, Flekkefjord und Arendal. Bergenser Bürger wie Nicolaysen, Konow, Ameln, Wallace und Bøschen dominierten die Diskussion um das Leuchtfeuer für Haugesund.
1840 wurde das erste größere Gebäude für die Verarbeitung und das Einsalzen der Heringe als auch für die Unterbringung der „Saisonarbeiter“ gebaut, das sog. Wallacehus, das heute unter Denkmalschutz steht.

Wallacehus 1840
Mitinhaber der Fa. Nicolaysen und damit Miteigentümer dieses mit zwei Giebeln versehenen Pack- und Arbeitshauses war der Bergener Kaufmann und Politiker Nicolaysen, der immerhin von 1830 bis 1845 im Storting saß. Er war es auch, der sich „wie alle guten Bergenser Patrioten“ im Parlament in Oslo für eine sichere Durchfahrt durch den Karmsund einsetzte (Sørhaugøy Fyrstasjon, S.

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Ein anderer Handelsmann, Austad Gabriel Michelsen, der mit Stückgut in der Küstenfahrt nach Norden nach Bergen und anderen Häfen Erfahrungen in diesem Seegebiet hatte, sprach sich ebenfalls für ein Leuchtfeuer am Karmsund aus.
Anhand dieser Schilderungen, die im Jahrbuch für Karmsund 2000 unter dem Titel „Sørhaugøy Fyrstasjon – livet ved Tonjer gjennom hundre år“ von Mads Ramnstad zusammengetragen sind, kann man erahnen, welche Anstrengungen vor fast zweihundert Jahren notwendig waren, um bestimmte Projekte voranzubringen. Hier werden noch viele andere einflussreichen Reeder und Bürger aufgezählt.
Anmerkung: Für in Norwegen lebende Deutsche, die ja wohl der norwegischen Sprache mächtig sind und sich für das Leben aus Sørhaugøy interessieren, gibt es eine interessante Lektüre, der ich die meisten Informationen für diesen Beitrag entnommen habe:
Årbok for Karmsund 1999-2000, Karmsund folkemuseum, Sørhaugøy Fyrstasjon – livet ved Tonjer gjennom hundre år, Mads Ramstad; kann geladen werden unter: http://www.haugalandmuseene.no/wp-conte ... amstad.pdfNördlich von Sørhaugøy liegt die Seestrecke Sletten, die alljährlich zwischen Januar und März zwischen 20 und 30.000 Fischer zum Heringsfang anzog. Da es sich in diesen Monaten um die sog. „mørketid“ handelt, die Dunkelzeit, waren Leuchtfeuer an dieser gefährlichen Küstenstrecke dringend erforderlich, um eine möglichst sichere Navigation zu gewährleisten.
Da sich die Heringsfischerei nördlich bis Espevær in Bømlo hinzog, wurden drei Jahre nach der Errichtung von Sørhaugøy weitere Leuchtfeuer entlang der Küste gebaut.
Der Bau des Leuchtfeuers SørhaugøyNachdem die Mittel bewilligt waren, wurde nach den Plänen des Feuerdirektors der Arbeitsvormann im Leuchtfeuerwesen, der erfahrene und beliebte Hans Hansen aus Christiania mit dem Bau beauftragt. In der Woche nach Weihnachten berichtete er, dass er ein Grundstück für das Leuchtfeuer aus Vibrandsøy ausgewählt hatte. Einen Monat später wurde vom Marinedepartement das Baumaterial bestellt.
Da Hansen den Bau von Utsira beaufsichtigt hatte und wusste, dass noch ein Teil des Materials übrig geblieben war, besorgte er sich Tauwerk und Eisenstangen vom Feuerwärter Smith aus Utsira.
Nach der Ausschreibung sollte Pastor (!) Bonnevie die Ziegelsteine beschaffen, der Landwirt Martin Berger den Kalkstein, Konsul Ring die Dachpappe und Kaufmann Kiddelsen Holz für die Anlage. Bei Nes Jernverk wurden verschiedene Sachen geordert, unter anderem das Leuchtfeuerhaus.
Parallel zu den Materiallieferungen wurden Arbeiter für den Bau des Leuchtfeuers angeheuert. Das Leuchtfeuerwesen hatte Anfang des 19. Jahrhunderts (der Norweger spricht vom 1800-tallet) Arbeiter, die für den Leuchtfeuerbau von Langesundfjord, Vallø und Oslo angestellt waren, angeheuert. Gleichzeitig wollte der Feuerdirektor aber auch Arbeiter aus der Umgebung einstellen. Nach „bitteren Erfahrungen“ schrieb er, dass sich kaum lokale Seeleute für die notwendigen Arbeiten anheuern ließen, so dass er auf die erfahrenen Arbeitskräfte aus Sunnmøre zurückgreifen musste – ein Umstand, dem man noch mehrfach begegnen sollte.
Die so angestellten Arbeiter mussten sich strengen Arbeits- und Verhaltensbedingungen unterziehen. Die Verträge sahen vor, dass sie sich anständig und ordentlich zu benehmen hätten, sich nicht betrinken durften und jedem „Händel“ und anderen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen hätten. Zuwiderhandlungen und auch Faulheit sollten mit dem Abzug vom Arbeitslohn bestraft werden. Die Arbeitszeit begann täglich um fünf Uhr morgens und endete abends um sieben Uhr, mit drei Stunden Ruhe- und Essenszeiten.
Hansen beschaffte die Arbeiter im Laufe des März 1846. Zehn Mann aus Sunnmøre unterschrieben den Vertrag und sollten im Sommer auf Vibrandsøy arbeiten. Daneben engagierte Hansen noch zehn weitere Arbeiter aus der Umgebung zur Verstärkung für die intensive, aber kurze Sommersaison.
Die Unterkunft der Arbeiter erfolgte in Baracken, die zuvor für das Leuchtfeuer Villa vor Namsos gebraucht wurden. Die Baracken wurden später nach Kvitholmen vor Kristiansund gebracht, bevor sie zunächst nach Utsira verfrachtet wurden, bis sie nunmehr auf Vibrandsøy Verwendung fanden.
Da die Station auf Sørhaugøy errichtet werden sollte, wurde ein Pachtvertrag mit dem Marinedepartement geschlossen, dem Sørhaugøy unterstand.
Im Laufe des April und Mai 1846 kamen die Ziegelsteine für das Leuchtfeuergebäude, ebenso Holz und andere Materialien. Schließlich kam aus Frankreich die Antwort auf die Anfrage nach dem Preis eines Feuerapparats. Der Direktor Fresnel, der Erfinder der Fresnellinse, nannte einen Preis von 2.280 Franken einschließlich der Scheiben für das Licht. Schließlich wurde das Leuchtfeuer für 400 Speziestaler bestellt.
Im Sommer wurde der Fortgang der Arbeiten vom Assistenten des Feuerdirektors, Carsten Tank, inspiziert. Tank, ein früherer Leutnant der Marine, war beim Feuerdirektor angestellt und reiste von Leuchtfeuer zu Leuchtfeuer, um die Arbeiten mit zunehmend gründlicher Erfahrung zu überwachen.
Allerdings zogen sich die Arbeiten hin, teils wegen mangelnder Qualität der Materialien oder weil Nes Jernverk um einen weiteren Monat für die Fertigung des Leuchtfeuerhauses bat. Im August kamen die letzten Ladungen Holz, Feuerhaus und Steinladungen und im September die letzte Dachpappe. Der norwegische Konsul Borstrøm sandte den Leuchtfeuerapparat von Le Havre im September und der Feuerdirektor bestellte im Oktober 500 Liter Öl für das neue Feuer.
Der Arbeitsvormann Hansen sollte der erste Feuerwärter sein der auf Sørhaugøy für 20 Speziestaler und 40 Schillinge pro Monat angestellt werden wollte. Jedoch waren seine Kenntnisse so umfassend, dass er nach einer Übergangszeit von einer Bestellung als ständiger Feuerwärter Abstand nahm, um weitere Bauvorhaben zu überwachen.
Im November wurde die Ankündigung veröffentlicht, dass das Leuchtfeuer Vibrandsøen am 1. Dezember 1846 angezündet werde.

2013 von der Fähre Hirtshals-Bergen aus gesehen
Am 21. November 1846 wurde zudem eine königliche Resolution veröffentlicht, in der genaue Abgaben für die Pacht des Grundstücks sowie die Anstellung der Feuerwächter und der „Feuerkerle“ beschrieben wurde.
Nur drei Wochen, nachdem das Leuchtfeuer in Betrieb ging, berichtete der vorübergehend als Feuerwärter fungierende Hansen, dass ein Unwetter Teile des Daches an der Südseite weggeweht und der Flaggenmast und Teile des Geländers als auch der Schutzmauer zerstört hatte.
Im Januar kamen die Heringe und mit ihnen Tausende von Fischern. Hansen berichtete von großen Problemen mit den Fischern, diese von Sørhaugøy fernzuhalten, denn schließlich war er mit dem fortwährenden Betrieb, d.h. der Aufrechterhaltung des Leuchtfeuers, mehr als ausgelastet
Sørhaugøy hatte nun einen Leuchtfeuerapparat mit einer Linse 5. Ordnung.
Die Station war ausgelegt für einen Leuchtfeuerwärter mit Familie, einem Dienstmädchen und einem Knecht. Das Leuchtfeuergebäude war ein typisches Familienhaus mit sechs Zimmern, Küche, Speisekammern, Proviantkeller und einem gemauerten Ofen im Keller. Der Brunnen, der Ölvorrat und der Proviantraum befanden sich im Keller, im Erdgeschoss waren die Küche, die Speisekammer, das Wohnzimmer, weitere Zimmer sowie Schlafzimmer und Kinderzimmer, im Dachgeschoss befand sich noch eine Mansarde.
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1952 wurde das Leuchtfeuer ersetzt durch ein kleineres, automatisiertes Feuer auf einem Dreibein. Die Station wurde vom Reeder Knut Knutsen gekauft, der die Station dem Haugelandmuseum übergab. Betrieben wird die Station nach aufwändiger Restauration vom Sporttaucherklub Haugesund.
Die Station wurde wegen ihrer besonders gut bewahrten Anlage 1998 vom Riksantikvar unter Denkmalschutz gestellt.
Weitere Quellen:
Finn et fyr, Eli Johanne Ellingsve, Tapir Akademisk Forlag, Trondheim 2007, S. 215,
Norske Fyr, Nasjonal verneplan for fyrstasjoner, Riksanikvarens rapporter nr. 24 1997, Danckert Monrad-Krohn, Oslo 1997, ISBN 82-7574-018-5, S. 86,
Årbok for Karmsund 1999-2000, Karmsund folkemuseum, Sørhaugøy Fyrstasjon – livet ved Tonjer gjennom hundre år, Mads Ramstad; kann geladen werden unter:
http://www.haugalandmuseene.no/wp-conte ... amstad.pdfhttps://haugesjoen.no/kystkultur/sj%C3%B8hus/