Ab und zu interessieren sich ja auch größere Familien mit 3, 4 oder mehr Kindern für den Schritt nach Norwegen. Für diese ist wichtig, genau zu rechnen, denn es drohen doch einige ungekannte Nachteile in Norge.
Norwegen kannte nach dem Krieg noch vielfach die kinderreiche Großfamilie, doch in den folgenden Jahrzehnten stand Familienpolitik v.a. unter dem Diktat der Gleichstellung mit einer konsekutiven Benachteiligung kinderreicher Familien, die es heute in Norge immer seltener gibt. Beispiele:
1. Kindergeld:
Diese Leistung wurde zum einen dem Anstieg der Lebenshaltungskosten und Gehälter kaum noch angepasst: Bei einer Familie mit 4 Kindern machte 1995 das Kindergeld in Norwegen noch 27% eines Bruttodurchschnittsgehaltes aus, 2006 ist dieser Anteil auf 14,7% geschrumpft.
Zum anderen wurden die Zulagen für kinderreiche Familien („søskentillegg“) in 2000 endgültig abgeschafft. Schweden kennt noch den „flerbarnstillegg“, in Deutschland erhält das 4. und jedes folgende Kind mit 179,- Euro auch noch mehr als das 1. Kind. Ergebnis: Kaufkraftbereinigt ist das norwegische Kindergeld (z.Zt 116 EUR) für das 4. Kind nicht mal halb so hoch wie in Deutschland!
2. Lohnsteuer und Sozialabgaben:
Es liegt in der Natur der Sache, dass bei kinderreichen Familien zumindest für bestimmte Zeiträume ein Elternteil sich ganz der Erziehung widmen muss. In D kennt man daher den Splittingtarif bei der Einkommensteuer und auch die Höchstgrenze bei der Beitragsbemessung für Sozialversicherungsbeiträge, in Norwegen gibt es aber nur einen geringen Freibetrag für den nicht berufstätigen Partner. Als Beispiel (basierend auf 2005):
Paar mit Durchschnittseinkommen von jeweils 350.000 NOK/Jahr. Beide haben jeweils 28,5% Steuer und Sozialabgaben (trygdeavgift) zu zahlen. Verdient nur der Mann, so werden bei gleichem Familieneinkommen dank toppskatt 37,5% Abgaben fällig.
In D sieht es bei in etwa vergleichbaren Jahreseinkommen von 35.000 Euro x2, bei 2 Berufstätigen in Stkl. 4 so aus, dass diese jeweils 40,7% berappen (Lohnsteuer und Sozialabgaben). Verdient nur einer, wird bei gleichem Familieneinkommen (70.000) dann nur 36,1% abgezogen.
Ergebnis: in o.g. Beispiel werden Grossfamilien mit Alleinverdiener in Norwegen mit 9% Aufschlag bestraft, in D mit fast 5% Abschlag hingegen belohnt - das heisst in Norge bleiben unterm Strich vom Familienbruttoeinkommen 14% weniger übrig als in D!
3. Kinderfreibeträge:
In Norge gibt es für Kinder bis 12 Jahre 25.000 NOK an absetzbaren Betreuungskosten pro Jahr. Für das 2. Kind 5000,- und das 3. und folgende Kinder guckten bis 2005 in die Röhre (kein Freibetrag), inzwischen gibt es auch 5000,- NOK. Eindeutiger kann man als Gesetzgeber nicht festlegen, dass kinderreiche Familien unerwünscht sind! In D gibt es dementsprechende Freibeträge, die etwas höher sind als in Norge für das 1. Kind – aber für JEDES Kind gleich.
4. PKW (engangsavgift)
Diese Norwegen-spezifische Abgabe belastet inzwischen Familien ungemein. Wer statt eines PKW mit 75KW und 1,9 Liter Motor einen VW Bus mit selbem Hubraum/Leistung kaufen (muss), zahlt dank extremer Progression bei der „vektavgift“ fast das 3-fache: über 250.000 NOK nur für die engangsavgift, denn kombibil werden abgeschafft!
5. Mehrwertsteuer:
Kinderreiche Familien haben eine sehr hohe Konsumquote, weshalb sie von hohen Mehrwertsteuersätzen stärker getroffen werden als andere, die ihr Geld in Auslandurlauben, Sparanlagen usw. loswerden. Norwegen hat mit 25% und 13% ermässigt deutlich höhere Sätze als D, wobei der Lebensmittelsatz zum 1. Januar erneut um 1% angehoben wird. Begründung der egierung: Die letzte Erhöhung im Vorjahr habe sich bei den Lebensmittelpreisen gar nicht bemerkbar gemacht (also kann man noch mal 1% draufschlagen…).
Wer mehr dazu lesen will, hier noch ein Artikel aus Aftenposten(„Barnefamilier under press“), aus dem ich einige der o.g. Infos auch entnommen habe:
http://www.aftenposten.no/meninger/kron ... 171283.ece
Ansonsten kann ich nur empfehlen, als kinderreiche Familie genau durchzurechnen, was einem wo (D oder Norge) und wie viel übrig bleibt. Was sich für Standardauswanderer (alleinstehend oder zumindest kinderlos, ggf. noch Kleinfamilie mit 1-2Kindern im Kleinkinderalter – da sind die Leistungen in Norge ja gut) rechnet, muss sich nicht unbedingt für kinderreiche Familien rechnen.
Grüsse,
Uwe




