Wecker um sieben, heute ist alles durchgetaktet - Frühstück, Abwasch, Hundegassi, fertig machen, Betten abziehen, durchkehren… um 9.15 Uhr schließe ich die Haustür ab und will gerade den Schlüssel in der Box verstauen, als er mir aus der Hand und durch die Ritze der Terrasse fällt… Sch…! Wir brauchen mit allen Tricks eine halbe Stunde, bis wir ihn wieder geangelt haben. So, jetzt aber los. Heute fällt uns der Abschied besonders schwer, denn es hat wieder schön geschneit und jetzt beginnt der Schnee endlich, auf den Bäumen liegen zu bleiben und alles in ein Winterwonderland zu verzaubern… schade.

Aber wir freuen uns auch auf zu Hause. Alles läuft wie geschmiert. Wir fahren gerade durch einen der vielen Tunnel der E6 in Oslo, als plötzlich unser Auto nicht mehr reagiert… wir werden immer langsamer, bei treten des Gaspedals passiert nichts, außer, dass der Motor aufheult - wie bei einem Schaltwagen, wenn kein Gang drin ist und man Gas gibt. Das Auto findet die Gänge nicht mehr. Horror - mitten im Tunnel, der LKW hinter uns kommt immer näher… Warnblinker an... auf einmal fasst der Gang wieder, aber nur unter lautem Geräusch, wir erreichen gerade noch die nächste Abfahrt, die auch noch bergauf geht und bleiben stehen. Mit Mühe und Not lassen wir uns noch rückwärts an den Rand rollen, sodass die anderen Autos passieren können. Ein paar kleinere LKWs fahren so dicht an uns vorbei, dass ich Angst habe, gleich noch mitgeschleift zu werden, echt gefährlich hier. Es ist 12.25 Uhr und wir rufen bei der Ford Assurance (Mobilitätsgarantie) an - nur eine Computerstimme, dann bricht die Verbindung ab. So ein Kack. Ein Auto von Statens Vegvesen fährt vorbei und hält. Der nette Norweger sagt, er ruft die Polizei und direkt den Abschlepper, dann ginge es schneller, denn O-Ton: "Wir müssen euch hier wegbringen - schnell!". Dann fährt er auf die Abfahrt, auf der wir stehen und stellt sich mit seinem Fahrzeug in den Weg, sodass er die Ausfahrt sperrt… jetzt ist es zumindest ungefährlicher - wäre ein größerer LKW gekommen, wäre das nicht lustig geworden. Um 13 Uhr kommt der Abschlepper, der uns Huckepack nimmt. Noch lachen wir und nehmen es mit Humor, wie wir da so aufgeladen durch die Gegend fahren. Der Fahrer versucht eine Werkstatt für uns zu finden… keiner nimmt uns, teils sind sie noch zu (Urlaubszeit), die meisten aber so voll, dass sie nichts mehr annehmen. Gegen 13.30 Uhr stehen wir endlich bei einem auf dem Hof, der sagt, sie können es sich aber erst frühestens morgen anschauen, eher übermorgen.
Da stehst du – nachmittags, mit zwei Kindern, Hund und voll geladenem Auto bei -12 Grad - plötzlich obdachlos und ohne Plan. Erster Gedanke: Sch… - wo schlafen wir? Jeder, der einen Hund hat weiß, dass es schwierig ist, eine Unterkunft zu finden, in die man den Hund mitbringen darf… und dann auch noch so kurzfristig!!
Erst mal ins Büro - die Kommunikation ist schwierig, der „ukrainische Russe" spricht nur gebrochen Englisch und halt russisch, doch es klappt irgendwie. Er schaut sich das Auto kurz an, um zu sehen, ob es was Kleines ist. Ein paar Telefonate mit seinem Boss… ach, der kommt doch erst nächste Woche und kann dann erst schauen, was es genau ist - und da es mit hoher Wahrscheinlichkeit das Getriebe ist, dauert das dann mit Teilebeschaffung 2-4 Wochen. So, das sitzt. Was sollen wir tun? Meine Knie zittern, mir wird schlecht - richtig schlecht. 1000 Gedanken schießen mir durch den Kopf. Oh Gott die Kinder, die Tochter muss mit der Hand zum Arzt, die Schule beginnt, wir müssen arbeiten, die Fähre fährt, wo schlafen wir denn überhaupt und wie kommen wir denn dort hin, wir können nicht so lange bleiben und warten, wie kommen wir heim, wie kommt das Auto heim…??? Ich würde am liebsten heulen. Atmen! Atmen!
Eins nach dem anderen – am Wichtigsten ist erst einmal die Unterkunft. Mit zittrigen Händen suche ich auf dem Handy nach einer Unterkunft, in die man auch Hunde bringen kann. Alles wahnsinnig teuer. Ah, ich hab was, weiter weg, sieht aber gut aus - wie lange soll ich buchen, ich weiß ja GAR NIX. 5 Nächte? Okay, gebucht. ADAC anrufen. Das übernimmt mein Mann… nach circa 25 Minuten Telefonat kann der Typ uns nichts anbieten außer einen Flug… hä? Und den 40 kg Hund nehme ich auf den Schoß? Und das Auto, wie kommt das zurück? Tja, weiß er nicht, aber er könnte einen Flug buchen. Hört der nicht zu? Hund? … und dann legt dieser Depp einfach auf. Okay… das muss doch ein böser Traum sein – oder ein schlechter Scherz von „Verstehen Sie Spaß?“
Der Typ von der Werkstatt sagt, dass er in einer Dreiviertelstunde schließt und wir raus müssen. Voll schön - mit Druck im Rücken läuft‘s in Extremsituationen einfach besser. Wo müssen wir nun hin? In der Bestätigungsmail der Unterkunft steht, wir sollen uns nach der „map below“ richten und mit dem Handy einchecken. Statt einer „Map“ steht aber in der Mail leider nur der Platzhalter „map.jpg“ und wie das mit dem Einchecken geht überfordert mich grade ungemein. Ich suche mir die Telefonnummer von Topcamp Bogstad raus und erkläre dem Typen, Markus, die Situation. Er merkt offensichtlich wie verzweifelt ich bin und sagt mir, ich solle über „Bolt“ ein Taxi rufen und mich bei ihm melden, wenn wir da sind. Ich google das … und muss mir jetzt auch noch eine Taxi-App runterladen und dort die Kreditkarte hinterlegen… schöne neue Welt, alles digital. In unserer Notsituation hätte ich einfach lieber angerufen und ein Taxi bestellt, anstatt mir mit zittrigen Fingern und einem Klumpen im Magen ein Konto bei Bolt anzulegen. Aber es klappt und eine halbe Stunde später steht Mehmet da. Er schaut auf uns, das Gepäck, den Hund… hmmm, okay, das passt schon irgendwie. Alles ist (gequetscht) drin und wir fahren - im Berufsverkehr eine Dreiviertelstunde zur Unterkunft. Mehmed ist Syrer und hat den Innenraum auf 31 Grad geheizt… und wir in Winterklamotten, wir sterben fast. Angekommen an der Unterkunft rufe ich wie vereinbart Markus an. Dieser kommt und macht uns auf. Meine Güte, dieses kleine Appartement ist wie eine Oase in der Wüste. Es ist warm, sanftes Licht, schön eingerichtet. Puh - durchatmen!

Jetzt kann ich in Ruhe telefonieren und rufe meine Ford-Mobilitätsgarantie an. Ich gebe alles durch und sie sagen, sie kümmern sich und melden sich morgen. Ich bin erleichtert, habe Kopfweh, will einfach nur Ruhe.
Auf das Positive konzentrieren! Wir sind gesund, wir haben ein Dach überm Kopf, es ist schön hier, neben uns ist ein Supermarkt, eine Tankstelle ist auch in der Nähe… Ich mache eine Hunderunde zum Durchatmen. Jetzt erst merke ich, dass wir unterhalb des Holmenkollen sind, man kann hier gut spazieren gehen. Um halb sieben gehen wir an der Tanke Burger essen. Danach noch für‘s Frühstück im Kiwi einkaufen und den restlichen Abend müssen wir einfach nur runterfahren, die Kinder dürfen zocken und Fernsehen.
Abends noch eine Hunderunde bei Schneefall und wir fallen todmüde ins Bett.






