Revolera hat geschrieben:Trotzdem - wenn ich solche Bilder wie die von dir sehe komme ich immer in Versuchung meine Kamera (nebenbei bemerkt eine einfache und bescheidene Nikon D40X) in die Ecke zu schmeissen und nie wieder anzulangen

Für mich kommen noch weitere Aspekte hinzu.
Jobo möchte die Stimmung möglichst so einfangen, wie die Natur sie uns anbietet. Aber jegliches Spielen am Objektiv wie Blende, Schärfe oder Zoom mit allen dadurch erreichbaren Effekten wie Tiefenschärfe, dramatisches Licht, Gegenlicht oder Bildinhalt führt zu einem Verfremden. Nutzt man dann Filter wie Pol- oder Verlaufsfilter, erhält man Stimmungen und Bildinhalte, die so gar nicht existiert haben. Zu allem sagen wir : Das ist Können.
In der analogen Welt hat man noch mit Filmmaterial experimentiert, Stichworte wie warme/kalte oder harte/weiche Farben haben da über den Erfolg des Bildes mitbestimmt. Auch das war Können.
Auch der Standort, den man wählt, unterscheidet Gut von Zufall.
Und den letzten Punkt, den ich erwähnen möchte, ist die gedankliche Vorwegnahme des Fotos, die man damals an den Tag legen mußte. Alle Parameter abwägen, geeignet kombinieren und dann zwei Tage warten, bis das Ergebnis endlich wieder beim Fotohändler war. Wer hier nicht sauber gearbeitet hat und seine Ergebnisse immer wieder überdacht und in sein Wissen und seine Erfahrung aufgenommen hat, hat es eben nicht geschafft, ein gutes Foto zu machen. Da wurden dann vorsorglich zwei/drei Parameter abgeändert, um den ein oder anderen Aspekt noch einmal besser herauszuarbeiten oder zu variieren, aber sehr gezielt. Ein Abzug kostete nämlich Geld.
Digital hat man neue Möglichkeiten. Man sieht sofort das Ergebnis und kann evtl. Korrekturen vornehmen, d.h. direkt ein neues Foto zu machen. Macht das jemand ? Gute Fotografen machen das, sie nutzen das zu ihrem Vorteil.
Wie aber arbeitet Otto-Normal-Fotografierer ?
Ein Foto kostet nichts mehr. Also knipse ich rund um mich rum, irgendwann wird schon was rauskommen.
Auf den Ausschnitt brauche ich nicht zu achten, den suche ich mir am PC.
Lichtstimmung ? So ein Quatsch, RAW-Format, dann ein wenig den Himmel abdunkeln, die Farben satter machen, Photoshop und fertig.
Rote Augen ? Das macht heute jede Kamera schon weg. Also Blitzen, was das Zeug hält. Immer Frontal und druff. Flache Bilder, völlig platte, helle Gesichter. Den Blitz aber gezielt einsetzen, indirekt blitzen, um bestimmte Effekte wie Schattenwurf zu erreichen. Wieviele Knipser wissen eigentlich um diese Zusammenhänge ?
Anstatt 36 oder 72 Fotos mache ich heute 1-2-3000. Und da werden schon 50 Fotos dabei sein, die ich guten Gewissens zeigen kann.
Und ganz ehrlich. Diese 50 Fotos werden in keinster Weise mit den Aufnahmen eines Fotografen mithalten können, der sich an den oben aufgezählten Punkte orientiert hat. Den Unterschied wird jeder sofort sehen, nur nicht unser Knipser selber.
Und das ist der eigentliche Punkt. Er hat diese Fotos wirklich so gesehen, weil er sich mit seinem Motiv nicht beschäftigt hat. Und wird sie deshalb gut finden. Das ist korrekt und gut so, hoffentlich zeigt er uns nur die 50, nicht die 3000.
Und was ist es, was mich an den Fotos von gianrico so anzieht ?
Jedes Bild betrachte ich, weil es etwas Besonderes enthält. Es interessiert mich, ich brauche 20 Sekunden minimum, um das Bild zu verstehen, um es vollständig zu entdecken. Man kann fast spüren, wie der Fotograf versucht hat, das Bild so zu machen und nicht anders. Und wette, da sind keine drei Fotos dabei, die man auch nur annähernd mit Schnappschuß betiteln kann. Auch der fliegende Pinguin oder die gähnende Robbe nicht. Auch gianrico wird die Segnungen moderner Technik wie PC und Nachbearbeitung genutzt haben, aber die Grundlage hat er vor Ort gelegt, da wußte er schon, wie sein Foto mal aussehen soll.
Da versteht jemand sein Handwerk.
Ich habe auf meiner Fahrt im Dezember gut 900 Fotos gemacht, von denen ich heute bei Vorträgen max. 40 noch zeige.
Da man mir vor einigen Jahren meinen Fotoapp. gezogen hatte, habe ich seit dem kaum noch fotografiert. Davor bin ich stundenlang durch die Gegend gelaufen, und habe min. 2 Minuten durch den Sucher geschaut und mich gefragt, ob ich das wirklich gut finde, was ich da gerade fotografieren will. Notfalls mußte ich den Standort wechseln. Nachdem ich letztes Jahr meine D80 gekauft habe, versuche ich, das Fotografieren wieder so zu lernen, daß ich mein Foto bewußt mache, d.h. nicht Schrotschuß-Technik.
Bei der nächsten Tour werde ich mich auf max. 100 Bilder beschränken.
Und endlich kommt der almidi zum obigen Zitat von Revolera.
Schmeiß dieses D40X-Teil bloß nicht weg.
Blicke bloß bei jedem Foto, daß Du in Zukunft damit machen wirst, zweimal hindurch, bevor Du es machst.
Brauchst Du alles, was auf dem Foto ist, um Dein Bild gelingen zu lassen ?
Und wenn Du ein unerwünschtes Kabel siehst, dan beweg Dich einfach mal 2 Schritte zur Seite oder geh in die Hocke. Und wenn es nicht aus dem Bild weg zu bekommen ist, mach das Foto einfach nicht, weil die Wirklichkeit ja gar nicht so schön ist, wie Du es gerne hättest. Es läuft nämlich gerade ein häßliches Kabel da durch.
Und dann stellst Du Deine Bilder neben die von gianrico und kannst mit Recht sagen, Klasse.
Wie konnte ich anno 2009 nur auf die Idee kommen und meine Super D40X wegwerfen ? Wahrscheinlich ist gianrico dann immer noch besser, aber auch Deine Bilder werden Betrachter in ihren Bann ziehen, Dich als allererste.
Schöne Träume wünscht
almidi