Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen enden

Eure Berichte von Reisen in Norwegen, Wander- und Bergtouren, Hurtigrutenfahrten oder Spezialtouren

Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon Kumulus » Fr, 29. Jul 2016, 6:59

Danke für diese schönen Fortsetzung, Ronald.

Du siehst, deine Fangemeinde ist immer noch auf deiner Seite und hat die kleine Verzögerung kaum wahrgenommen. Auf alle Fälle freuen wir uns jetzt, dass die Reise weiter geht.

Klasse und Gruß
Martin
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Kumulus
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Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon Ronald » Fr, 29. Jul 2016, 11:03

Moin,
danke für Eure netten Kommentare.
Jetzt will ich es mal weiter versuchen.
Gruß
Ronald

Teil 21 - 1
Mittwoch 12.06.2013
Lakselv – Porsanger – Eiszeitliche Strandlinien und Mondlandschaft.
Heute sollte ein Ruhetag eingelegt werden ob der gestrigen 360 km langen Strecke. Ruhetag heißt für uns aber auch: Spät frühstücken und dann die Gegend erkunden, denn hier blieben wir für drei Nächte.
So wurde es dann auch gegen 13.00 Uhr, als wir unser erstes Foto machen von arktischen Schneeräumern und anderen arktistauglichen Fahrzeugen.

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Vom Østerbotn ging unser Blick über den Porsangerfjord nach Norden.

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Schon 15 Minuten später stehen wir an den eiszeitlichen Strandlinien im Naturschutzgebiet Roddines. Die Strandlinien sind nach der letzten Eiszeit durch den Rückzug der Gletscher und die damit verbundene Landhebung entstanden. Gigantisch diese Vorstellung – und auch, dass dieses Gebiet seit 10.000 Jahren nicht von Menschen betreten wurde – und damit es so bleibt ist es nunmehr abgesperrt.

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Zierlich sehen die zwischen dem Geröll wachsenden Strandplatterbsen aus, eine Pflanze die hier oben an den Ufern zu finden ist.

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Hinter uns stiegen gewaltige Felskaskaden auf, die fast wie Basaltsäulen aussahen (Mittlerweile island-erfahren, wissen wir, dass das kein Basalt ist).

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Wir erkundeten noch ein wenig diesen Naturlehrpfad und den Strand,

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bevor wir uns weiter nördlich nach Børselv bewegten.
Soweit wir feststellen konnten bestand die Ortschaft Børselv aus einigen versprengten Häusern, einem Coop-Laden mit zwei Zapfsäulen,

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einer achtkantigen Rundkirche von 1958

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und dem Zentrum der Kvenen-Kultur, da in dieser Gegen sehr viele Kvenen leben und auch noch die kvenische Sprache können und sprechen.

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Die Kvenen sind eine ethnische Minderheit in Norwegen, die aus Bauern und Fischern stammen, die im 18. Und 19.Jahrhundert aus Finnland und Schweden nach Nordnorwegen eingewandert sind. Sie haben heute einen Minderheitsstatus und ihre Sprache ist seit 2005 offiziell anerkannt.
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Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon skandinavian-wolf » Fr, 29. Jul 2016, 19:55

Sag mal, Roland, wieso habt Ihr eigentlich so relativ gutes Wetter im Juni im Norden?
Ungerecht! :wink:
Ansonsten vielen Dank für ein paar neue Impressionen und Tipps!

Viele Grüße
Uwe
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Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon Ronald » Sa, 30. Jul 2016, 12:05

Moin Uwe,
gutes Wetter im Juni? Wir haben über nun mehr als zwei Jahrzehnte festgestellt, dass die Periode Mitte Mai bis Mitte Juni eigentlich recht stabile Wetterlagen erbracht hat - mit Ausnahmen natürlich.

So mal sehen, ob das Einstellen der Fotos heute klappt - gestern habe ich aufgegeben.

Teil 21 - 2

Mittwoch 12.06.2013
Lakselv – Porsanger – Eiszeitliche Strandlinien und Mondlandschaft.

Im Coop-Laden frischten wir noch unseren Notfallvorrat, bestehend aus Lefse und Keksen, bevor wir uns weiter Richtung Norden bewegten.
Ganz so weit wollten wir aber nicht fahren, denn die nächste Tankstelle in Veidnes ist 154 km entfernt.

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Wir fuhren entlang der bizarrsten Kalksteinformationen, gewaltiger Schichtfelsen, trollartigen Gesteinsformationen, die wir je gesehen hatten – schier unglaublich.

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Erkennt Ihr den Troll?

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Und zwischendurch kleine Ansammlungen von Silberwurz
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und stengellosem Leimkraut (Danke am meine Frau, die mir mit ihrer „Bibliothek“ der arkischen Flora geholfen hat).

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Wir genossen die unwirkliche Stille, eine Stille, die man hören kann!

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Unberührter Strand Roddines

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Diese Landschaft richtig zu beschreiben ist schlicht unmöglich, man muss sie gesehen und erlebt haben.

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Am Strand entdecken wir noch ein Lavvo, ein typisches nordsamisches Zelt, das seit 2000 Jahren verwendet wird. Jetzt ist unser Finnmark-Eindruck perfekt.

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Es wurde langsam Zeit, umzukehren. Wir hätten noch Stunden in dieser wild zerklüfteten Einsamkeit und Stille verbringen können.
Auf der Rückfahrt hielten wir noch kurz am kleinen Fluß / Bach (?) Sappirjoki

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und passierten einen kleinen Unterstand mit zwei Milchkannen – wie auf dem Land.

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Im Hotel angekommen stellten wir fest, dass das Zimmer nicht gemacht worden war. Das passierte uns häufiger auf unserer Reise – insbesondere dann, wenn wir länger geschlafen hatten; siehe Rørvik. An der Rezeption war man sehr bestürzt und der „room service“ beeilte sich sofort, das Versäumte nachzuholen.
Abends haben wir dann wieder die Fotos gesichert und nach dem Abendessen gesichtet und Tagebuch geschrieben.
Morgen war geplant nach Honningsvåg zu fahren, denn wir wollten ja alle Hurtigruten-Häfen abfahren.
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Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon syltetoy » Sa, 30. Jul 2016, 13:38

Sehr schön....vielen Dank.
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Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon Ronald » Sa, 30. Jul 2016, 17:14

Teil 22

Donnerstag, 13.06.2013
Lakselv – Geldwechsel privater Art? –
Kaffeetrinken auf KONG HARALD in Honningsvåg –
Nordkapplateau - Lakselv

Pflichtübung abends und morgens: http://www.yr.no – den Wetterbericht ablesen. Und da für Havøysund bedeckter Himmel und Schauer angesagt waren, hieß die Alternative: Rauf Richtung Honningsvåg. Ob wir dann noch weiter nach Gjesvær fahren würden, ließen wir erst einmal offen. Wir waren zudem etwas später aufgestanden – wieder einmal. Warum nicht? Wir sind jetzt Rentner und haben auch in Norwegen Zeit.
So sind wir dann am Donnerstag, 13.06., um 11.40 Uhr los und Richtung Honningsvåg.
-
Vorher aber noch ein Erlebnis seltener Art – aber es ist Realität und man muss schon aufpassen. Dazu zitiere ich aus dem Reisebericht meiner Frau:
ZITAT
Auf dem Parkplatz vor dem Einkaufszentrum spricht uns ein Deutscher an. Er hätte ein Riesenproblem. Er hätte zwar seine Kreditkarte dabei, aber die falsche PIN. Ob wir ihm 800 Euro wechseln könnten. Dabei hält er uns ein Bündel Geldscheine unter die Nase. Es seien keine Blüten, versucht er unser Misstrauen zu besänftigen. Wir sind dennoch misstrauisch und sagen, wir hätten selbst kein Bargeld und müssten erst einen Bankautomaten suchen, weil dieser kaputt sei. Dienstbeflissen zeigt er uns gleich den Weg zum nächsten Automaten. Mag ja sein, dass die Geschichte stimmt, aber wieso merkt er erst jetzt, dass er die falsche PIN eingesteckt hat? Wie ist er denn bis jetzt zu Bargeld gekommen? Wir geben ihm den Tipp, im Lakselv Hotel nachzufragen, ob man dort wechseln könne. Geknickt zieht er von dannen.
ZITATENDE

Bei der Seefahrt haben wir den Spruch gehabt: „Gott schütze uns vor Sturm und Wind und Deutsche, die im Ausland sind“.
-
Zunächst ging’s entlang der E 6 nach Norden. Unterwegs sahen wir Rentiere die im Vorgarten grasen, so etwa 10 Stück. Die ließen sich aber nicht stören. Wir begegneten hartgesottenen Radfahrern, die mit Kind im Anhänger ihre Nordkaptour machen.

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Mit Kind und Kegel vom Nordkapp kommend

Bei Olderfjord (ein co-op Laden, eine Tankstelle und ein Gjestehus) sind wir auf die E69 nach Havøysund abgebogen und weiter ging es entlang des Porsangen. Eine sehr schöne Strecke mit vielen tollen An- und Aussichten, vorbei an Wasserfällen, große, kleine und an Sandstränden.

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Eiszeitliche Strandlinien Porsangerhalføya

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Skarvbergvika

Zwei Tunnel haben wir durchfahren, den 2.920 m langen Skarvbergtunnel und noch einen kürzeren. Bei Kåfjord fuhren wir noch einmal Serpentinen, allerdings auf gut ausgebauter Straße und mit fantastischer Aussicht. Man fährt auf der Porsangerhalvøya direkt an den ca. 400 m hohen schroffen Felsen entlang und hat dadurch dramatische Ansichten, zumal die Gesteinsformationen laufend wechseln.

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Schiefer Porsangerhalføya

Kurz hinter Kåfjord ging es dann in den 6870 m langen Nordkaptunnel, der bis zu 212 m unter dem Meeresspiegel verläuft; er ist nunmehr ohne Maut zu befahren.

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Nordkapptunnelen

Dann waren wir auf Magerøya, die Insel in Norwegen, die eine reine arktische Flora aufweist. In der Tat war nicht ein Baum zu sehen. Dafür war aber nach drei weiteren Tunneln die KONG HARALD an der Pier zu sehen.

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KONG HARALD in Honningsvåg

Es war ohnehin Zeit, einen Kaffee zu trinken und ein Stück Kuchen zu essen. Also gingen wir auf die KONG HARALD und verbrachten dort unsere Kaffeepause. Anschließend wurden im Shop noch 10 Schiffsbriefmarken gekauft. Die Verkäuferin sah uns prüfend an und meinte, uns schon einmal Briefmarken verkauft zu haben. Das konnten wir nur bestätigen, das war ja in Rørvik – oder war es in Svolvær?
Sie erinnerte sich an unser erstes Gespräch, dass wir die Küste abfahren wollten und fragte, wie weit wir jetzt seien. Wir antworteten, dass wir in Lakselv Quartier haben. Sie sah uns erstaunt an und ich sagte: „Ja, die Deutschen sind verrückt (de tyske er gal). Fahren 165 km und 3 Stunden nach Honningsvåg, um auf der KONG HARALD“ Kaffee zu trinken und Briefmarken zu kaufen.“ Sie lachte nur und meinte, mal sehen, wann wir uns wiedersehen. Wir wünschten eine gute Reise und gingen vergnügt von Bord.
Fazit: Man gönnt sich ja sonst nichts.

Dann besuchten wir noch in den Geschenkeladen in Honningsvåg, denn dort hatten wir schon zwei Mal geschmackvolle Porsgrund-Kaffeebecher gekauft. Wir kamen mit der Inhaberin, einer Deutschen, ins Gespräch. Wir fragten sie, wie sie denn mit der „mørketid“ zurecht kommen würde. „Das sei gar nicht so schlimm, es seien nur zwei Monate und außerdem habe man häufig fantastisches Nordlicht.“ Sie sah, dass wir auf Spitzbergen waren (Anstecker und kleiner Eisbär) und kamen ins Gespräch, wie denn die FRAM sei. Sie wollte schon immer mal mit der FRAM fahren. Wir erzählten ihr unsere sehr guten Erfahrungen.

Dann kam das Gespräch auf die NORDSTJERNEN und die letzte Fahrt, die sie auch mitgemacht hatte. Ich erzählte ihr, dass wir dies in einem Forum mitverfolgt hätten. Daraufhin verzog sie das Gesicht und erzählte uns von ihren Erfahrungen. – Keine weiteren Anmerkungen.

Dann setzten wir die Fahrt fort, Richtung Nordkap.

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Nordkapphorn

Das Wetter verschlechterte sich zunehmend, so dass wir lediglich drei Viertel des Weges fuhren, zumal der Wind fast Sturmstärke erreichte. Das Thermometer zeigte mittlerweile 5° C an.

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Nordkappplateau Risfjorden

Also kehrten wir um, schließlich waren wir bereits zwei Mal am Nordkap und einmal in Skarsvåg. Bevor wir umkehrten kamen uns 7 (!) Busse mit dem Schild „Hurtigruten“ im Fenster entgegen; das Schiff musste knackvoll gewesen sein.

Auf der Rückfahrt kamen wir noch an einer Sámi Siidá vorbei, eine in traditioneller Bauweise errichtetes Haus. Dieses Haus wurde von der Sami-Familie Mattis Somby erbaut. Diese Familie ist die erste, die jedes Jahr im Mai mit ihren Rentieren von Karasjok nach Magerøya kommt und bis September hier bleibt.

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Sámi Siidá Magerøya

Dann ging es zurück durch den Nordkapptunnel Richtung Lakselv

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Nordkapptunnel


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Schiefer Porsangerhalføya

Zufrieden erreichten wir unser Hotel in Lakselv und haben sehr gut zu Abend gegessen: Ein Buffet aus kalten und warmen Speisen, z.B. Lammkeule mit einem tollen gemischten Gemüse.



Teil 23
Freitag, 14.06.2013
Lakselv – Ifjordfjellet, nichts für schwache Nerven - Vadsø

Die Uhr zeigt 00.33 Uhr und die Sonne steht hoch am Himmel. Wir nähern uns dem 20. Juni. Wie schon zuvor in Andenes etwas ungewohnt, aber faszinierend die Mitternachtssonne.

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Mitternachtssonne

Heute wurde im Hotel gefrühstückt. Das Auschecken dauerte etwas länger getreu dem Motto: „Der Computer spart uns 50% der Zeit, die wir benötigen, weil wir einen Computer haben“. Die Strecke sollte uns heute von Lakselv nach Vadsø führen, etwa 280 km.

In Vadsø ist geplant fünf Nächte zu blieben, um nicht nur einen der Kapitäne in seinem Heimatdorf Nesseby zu treffen, sondern auch um den „nasjonale turistvej Varanger“ über Vardø nach Hamningberg zu befahren, dort wo Norwegens Straßen enden – und natürlich war auch ein Ruhetag vorgesehen.

Die Strecke führte über weite Teile über Land und weniger am Wasser entlang.

Zunächst ging es aber bei heiterem Wetter noch einmal entlang des Porsangerfjords und so strahlten die kalkweißen Strandlinien denn auch in der Morgensonne.

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Porsanger Strandlinien

Am nächsten Morgen, also am Freitag, 14.06., ging es zu einem aufregenden „Ritt“ durch die Finnmark und über das sich harmlos anhörende Ifjordfjell. Zunächst ging die Fahrt auf der RV 98 entlang des Porsangen. Etwa 10 km hinter Børselv kommen wir an den Silfar Canyon, mit 80 m Nordeuropas tiefster Canyon. Uns gelangen einige Fotos von der Straße, denn wir wollten ja weiter.

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Silfar Canyon

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Silfar Canyon

Weiter führte der Weg durch das weite Børselvfjellet.

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Børselvfjellet

Vorbei ging es bei Kunes am Storfjorden.

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Storfjorden

Die niedrigen Birken waren schon teilweise grün, denn – so der Hotelmanager in Lakselv – durch den plötzlichen „Wärmeeinbruch“ sei die Natur förmlich explodiert.

Dann, plötzlich „in der Wildnis der Finnmark“ tauchte das Ifjord Camping og Café auf – mit Tankstelle! Wir stärkten uns noch mit einem Kaffee, den der Wirt gelangweilt dahinschlurfend servierte. Er war wohl noch nicht aus dem Winterschlaf erwacht.

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Ifjord Camping og Café

Dann wurde es „munter“. Das Ifjordfjellet, ein "Pfad", den ich Flachlandleuten nicht unbedingt empfehlen würde: 60 km für ca. 1,5 Std mit steil abfallenden Hängen (egal ob du aus 300 m oder 1000 m abstürzt - tot bist Du ohnehin), Serpentinen ohne seitliche Begrenzung, ca. 300 m abfallend, Straßenbaustellen ohne Ende: das Straßenverkehrswesen erneuerte gerade die Strecke bis 2015 - wir waren also zu früh hier. Die Fotos geben nur einen ungefähren Eindruck.

Jetzt mussten wieder einmal durch eine „Anleggstraffik“ (Straßenbaustelle). Etwa 8 km lang: zuerst Grieß, dann aber richtig Schotter. Hier bewies sich der Allradantrieb. Ich möchte nicht wissen, wie es die vielen Franzosen mit Ihren Wohnmobilen geschafft haben, die wir vorhin gesehen hatten.

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Anleggtraffik

Allerdings sahen die Gesteinsformationen fantastisch aus.

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Rotes Gestein Ifjordfjellet

Dann ging es über ein neu angelegtes Teilstück – aber ohne seitliche Leitplanken o.ä. und man sah auch nicht, ob es sachte abflachte oder steil bergab ging. Das trieb so einige Schweißperlen auf die Stirn.

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Ein neues Teilstück

Dann hörte das neue Teilstück auf und es kamen Serpentinen, zunächst bergab, so um die 360 m, sehr enge Radien und kaum eine Begrenzung. Ich durfte mir keinen Blick nach unten erlauben, sonst hätte ich das große Zittern bekommen. Meine Frau hat alles fotografiert und gefilmt.

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Ifjordfjell

Dann kam wieder eine Steigung und noch einmal Serpentinen, bergauf und bergab.

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Altes Teilstück

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Eine heiße Kurve ohne Begrenzung – wo geht’s dahin?

Mein rechter Fuß ging zwischen Bremse und Gaspedal laufend hin und her. Durchschnittstempo hier: 20 km/h, denn die Fahrt ging über extrem große Schottersteine.

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Anleggtraffik

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Noch mehr Anleggtraffik

Für eine Strecke von insgesamt 57 km haben wir eineinhalb Stunden gebraucht. Aber wir hatten ja Zeit! Das Ifjordfjellet ist zwar „nur“ 500 m hoch, aber eine Herausforderung. Der Weg über das Fjell wurde erst 2009 eröffnet und wird nun mit einem Mammutprogramm bis 2016 ausgebaut – wir waren zu früh hier.
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Ifjordfjellet

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Ifjordfjellet

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Heute nach Mitternacht noch Sonne und jetzt Schnee

Endlich unten angekommen, erst einmal bei der „Tanke“ beim Abzweig nach Langenes einen Kaffee getrunken. Nie hatte mir ein Kaffee so gut geschmeckt wie hier. Der Inhaber meinte auch, dass diese Strecke nicht ganz ohne sei. Aber wir sollten mal in zwei, drei Jahren wiederkommen, dann sei alles neu gebaut. In der Tat: Auf der Internetseite von Statens Vegvesen konnten wir hinterher nachlesen, wann welche Teilstrecke gebaut wird.

Als wir an der Tankstelle saßen sagte ich zu meiner Frau: „Die Straße fahre ich nicht zurück. Wir müssen uns eine Alternative überlegen, um von Vadsø nach Kjøllefjord zu kommen. Wir werden versuchen, die Hurtigrute von Vardø nach Kjøllefjord zu bekommen.“

Entlang der Tanaelv ging es auf einer teilweise schnurgeraden Straße (wie viele in der Finnmark) nach Tana bru und dann wieder nordwärts nach Vestre Jacobselv. Leider konnte man die Tanaelv zunächst nicht sehen. Dazu hätte es des „Durchbruchs“ durch das Birkendickicht gebraucht. Dafür waren wir aber nicht richtig ausgerüstet. Aber dann konnte man teilweise die unendlich langen Sandbänke der Tanaelv vorbeiziehen sehen.

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Entlang der Tanaelv

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Sandbänke in der Tanaelv

Um 14.30 Uhr hatten wir Tana bru erreicht, der einzige Übergang über die Tanaelv im Norden; der nächste ist etwa 60 km südlich und führt nach Finnland hinein.

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Tana bru

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Nordische Destinationen

Bei strahlend blauem Himmel und steifem Ostwind ging es dann den Varangerbotn entlang. Bei Gorgŋetak bzw. Gornitak in Nesseby stießen wir auf eine Gruppe deutscher „Bird watcher“ – organisierte Piepmatz-Gucken. Hier befand sich ein Schiffsanleger der im Zweiten Weltkrieg als Munitionslager der deutschen Wehrmacht benutzt wurde.

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Bird-Watcher

Kurz darauf entdeckten wir auch schon die kleine weiße Holzkirche von 1858, eine der wenigen Kirchen, die den Krieg und die Aktion „Verbrannte Erde“ überstanden haben. Sie liegt fotogen auf einer Landzunge.

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Nesseby Kirche

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Nesseby kirkegård

Küstenseeschwalbe und Austernfischer fühlten sich gestört und warnten ihre brütenden Partner, so dass wir uns schnell zurückzogen.

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Austernfischer

Bei strahlendem Sonnenschein, aber etwas „blank die Nerven“ wegen des Fjells, waren wir in Vadsø sicher gelandet.

Um 16.00 Uhr erreichten wir das Hotel in Vadsø, wo wir einen „Superior-Room“ gebucht hatten, denn wir wollten ja fünf Nächte bleiben und auch etwas ausspannen und etwas mehr Platz haben. Als wir die Tür öffneten fragten wir uns, wie klein denn das normale Zimmer sei. Unter Hinweis auf unsere Buchungsunterlagen, in denen eine separate Sitzecke ausgewiesen war, fragten wir höflich, ob denn ein größeres Zimmer frei sei. Nach Rücksprache mit dem Manager erhielten wir dann eine Juniorsuite mit Ausblick über Vadsø und den Varangerfjord.

Doch nun kam der Gedanke, wie gestalten wir die Rückfahrt? Noch einmal über die beiden Pässe, das wollte ich nicht, zumal wir die Erfahrung gemacht haben, dass es viele norwegische Autofahrer gibt, die nicht unbedingt auf der rechten Seite der Straße fahren und zudem ein ziemliches Tempo drauf haben, ungeachtet der Straßenbreite und eventueller Gegenkommer.

Die nächste Unterkunft hatten wir Kjøllefjord gebucht. Die Entfernung zwischen beiden Orten hatten wir mit 270 km und 5 Stunden reiner Fahrtzeit berechnet – wohlgemerkt, über die Pässe und Serpentinen. Eine Alternative wäre die Rückfahrt über die E6 und Karasjok und Lakselv. Doch die Strecke ist 560 km lang und wir würden für die reine Fahrtzeit ohne Pausen 10 Stunden benötigen.

Was tun? Genau das tun, was viele Norweger auch machen: Den „Riksvei 1“ benutzen, die Hurtigrute. Da wir den Hurtigruten-Fahrplan für Distanzreisen in Rørvik von einem der Schiffe mitgenommen hatten – eigentlich aus reiner Neugierde – konnten wir sehen, dass am Mittwoch, unserem Abfahrtstag von Vadsø die NORDNORGE von Vardø aus südgehend fahren würde, also Autos mitnehmen kann. Jetzt musste nur noch ein Platz frei sein. Schnell unser Reisebüro in Halstenbek angerufen und am Sonnabendmorgen kam der Anruf vom Reisebüro und kurz danach die Buchungsbestätigung über den „Schlepptop“ von Hurtigruten: Gebucht, 2 Personen und ein Auto ab Vardø 17.00 Uhr, Ankunft in Mehamn um 01.00 Uhr morgens. Von dort aus sind es nur noch 45 km nach Kjøllefjord, so dass wir um 02.00 Uhr im Hotel sein werden.

Aber ist denn im Hotel in Kjøllefjord noch jemand zu erreichen? Ein Anruf dort brachte die Lösung: Der Zimmerschlüssel ist in der „Taxizentrale“ – und die ist die ganze Nacht zu erreichen. Da fiel mir ein großer Stein vom Herzen! Und was soll’s dass wir erst um 02.00 Uhr ankommen? In Andenes zur Mitternachtssonne sind wir auch erst um 02.00 Uhr im Bett gewesen.

Abends gab es dann im Hotel „hausgemachten Hamburger“ – sehr lecker, dazu Weißwein. Hamburger und Weißwein? Man gönnt sich ja sonst nichts!

Die Erleichterung über die gebuchte Hurtigrute veranlasste mich zu dichten:
„Und es war Sommer, und wir war’n in Vadsø, der Ostwind wehte und es hat nicht geschneit, und wir war’n in Vadsø“.
Vielleicht war es auch der eine oder andere „Erleichterungsaquavit“ der mich hierzu veranlasste.

Aber die Finnmark, die man sich allgemein flach vorstellt, ist unglaublich abwechslungsreich, flache, dann hohe Fjells, steile Berge, unendliche Weiten, Rentierherden, Seen, weite Sumpflandschaften, arktische Pflanzen-/Blumenvielfalt von weiß über gelb zu blau und violett, Moose und Flechten in bunter Vielfalt, weite Täler, Flüsse, Canyons, geologische Formationen, wie wir sie noch nie gesehen haben. Dazu die unendlichen Entfernungen. Wirklich sensationell. Und das sagen wir, die wir schon viel von Norwegen gesehen haben.

Aber jetzt sind wir am Ziel, nach über 3.000 km, unendlich unvorstellbaren Eindrücken, Aufeinandertreffen auch mit sturen (wirklich) norwegischen Autofahrern und anderen stoischen Leuten (wir sind noch nicht in der Langsamkeit angekommen), aber Superwetter (12-15° und Sonne, knackbraun), nun sind wir am Ziel. Wie der italienische Priester Francesco Negri 1664 gesagt haben soll, als er am Nordkapp stand:
" Hier stehe ich nun am Nordkap – am letzten Außenposten der Zivilisation – und kann sagen, dass meine Wissbegier nun befriedigt ist. Ich reise nun zufrieden heim – so Gott will.“

Wir noch nicht, wir haben noch fast 4 Wochen vor uns!!! Jetzt bleiben wir hier am Ziel unserer "Norwegenträume" für 5 Nächte und treffen irgendwann den Kapitän der FRAM.
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Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon Kumulus » Sa, 30. Jul 2016, 19:30

Ronald hat geschrieben:Fazit: Man gönnt sich ja sonst nichts.



Ihr habt euch wirklich viel gegönnt, Ronald. Und nichts ausgelassen. Selbst die schlechteste Piste musstest du noch mitnehmen. Aber schön. Für euch und jetzt auch für uns.

Danke für diese tolle Weiterfahrt. Deinem Hinweis folgend, sind es noch 4 Wochen, die wir euch nachträglich begleiten dürfen. Ich freue mich über jeden Tag.

Gruß und schönes WE
Martin
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Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon syltetoy » Sa, 30. Jul 2016, 22:27

Ganz toll Ronald und richtig spannend ....in der Gegend war ich noch nie, die Schotterpisten hätten mir Magengrummeln bereitet, ich kenne das von den Fjells hier in Süd-Tröndelag, die Norweger rasen da nur so drüber und kümmern sich nicht um Steinschlag.
Das wird ja noch ein langer Bericht ....ich freue mich :)
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Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon skandinavian-wolf » Sa, 30. Jul 2016, 22:37

Dann, plötzlich „in der Wildnis der Finnmark“ tauchte das Ifjord Camping og Café auf – mit Tankstelle! Wir stärkten uns noch mit einem Kaffee, den der Wirt gelangweilt dahinschlurfend servierte. Er war wohl noch nicht aus dem Winterschlaf erwacht.

Dann hat sich also dort nichts geändert seit 2006. Damals hatten wir dort eine Hütte für eine Nacht aber die Bedienung war ähnlich. :wink:
Letztes Jahr sind wir nur vorbeigefahren.
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Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon Ronald » So, 31. Jul 2016, 13:29

Moin,
vielen Dank für die netten Worte. Dann macht das Schreiben ja auch Spaß. Und, Martin, ja, es dauert noch bis zum 5.7.2013.

Hier kommt

Teil 24
Sonnabend, 15.06.2013
Vadsø – „Die Vögel“: Hitchcock in der Finnmark

Wir waren jetzt 25 Tage unterwegs – und sind seeehr müde. Kein Wunder nach der Überfahrt über das Fjell am Vortag.

Vom Reisebüro kam die Buchungsbestätigung für die NORDNORGE ab Vardø. Diese wurde auf den USB-Stick gespeichert und an der Rezeption baten wir darum, diese auszudrucken. Nun hatten wir es schwarz auf weiß!

Am Vormittag sind wir ein wenig durch Vadsø gegangen, haben uns das Kvenen-Denkmal angesehen (siehe Teil 21 – 1 Mittwoch 12.06.2013) und selbiges natürlich fotografiert. 1875 bestand die Bevölkerung von Vadsø zu 2/3 aus eingewanderten Finnen. Und Finnisch wird auch heute noch als Sprache an den Schulen gelehrt.

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Das Einwanderungsdenkmal wurde 1977 von Präsident Kekkonen (Finnland), König Olav V (Norwegen) und König Carl Gustav (Schweden) eingeweiht.

Wir waren doch recht beeindruckt von der naturalistischen Darstellung und wie man z.B. so ein Fischernetz und die gestrickten Handschuhe in Bronze darstellen kann. Toll!

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Beeindruckend auch die „rush hour“ am Sonnabendvormittag gegen 11.00 Uhr. :D

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Wir kamen am „Weißen Haus“ von Vadsø vorbei, das an der Fassade eine interessante perspektivische Bemalung aufwies. Erst jetzt habe ich bemerkt, dass es sich um „Nord-Norwegens größtes Gebrauchtwaren- und Antikhandelshaus“ gehandelt hat. Aber es war ohnehin Sonnabend gewesen und somit geschlossen.

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Vadsø „det hvite hus“

Interessant war auch zu sehen, wie „erfinderisch“ der Besitzer eines Kaffeehauses war. Er hatte ehemalige Kabeltrommeln als Tische verwendet. Ideen muss man haben.

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Kabeltrommeln als Tische

Dann wurde noch ein Foto von der futuristisch anmutenden Kirche von 1958 gemacht.

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Vadsø Kirche 1958

Die Vorgängerkirche aus dem Jahr 1861 wurde im Herbst 1944 „durch Kriegshandlungen in Ruinen gelegt“ (ble lagt i ruiner som følge av krigshandlingene), wie sich die Information im Internet dezent zurückhaltend ausdrückt, wurden doch weite Teile der Finnmark und Nord-Norwegens durch die deutsche Wehrmacht in Schutt und Asche gelegt, wie wir später noch erfahren sollten.

Noch ein Foto vom Hafen wurde gemacht, das war es dann auch für heute.

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Vadsø Hafenpartie

Vadsø ist bekannt durch die Historie, dass die Luftschiffe „Norge“ und „Italia“ von den Polarforschern Amundsen, Ellsworth und Nobile hier einen Zwischenstopp einlegten, bevor sie von Ny-Ålesund zum Nordpol starteten. Der Ankermast ist noch erhalten, wurde aber von uns nicht fotografiert (ebenso wenig später der in Ny-Ålesund :D ).

Zurück im Hotel angekommen, war der Room Service noch nicht im Zimmer gewesen – so etwas kennen wir ja bereits. Also setzten wir uns in die Lobby und schrieben Postkarten. Die Adressen hatten wir auf Aufklebern vorbereitet, so dass wir uns auf den Text „konzentrieren“ konnten.

Schließlich rafften wir uns noch einmal auf, um das „tosende Sonnabendnachmittag-Leben“ in Vadsø zu erleben. Auf der Suche nach einem Café (vergeblich – Vadsø lag im Sonnabendnachmittagschlaf) entdeckten wir zwei kleine Wollknäule im Eingang zum geschlossenen Supermarkt. Wir bestaunen diese kleinen gesprenkelten Küken als plötzlich mit ohrenbetäubendem Geschrei die Möwenmutter auf uns zugestürzt kommt. In der Tat können wir ihr nur durch wildes Fuchteln mit den Armen und einem spontanen Sprint entkommen. Der Film „Die Vögel“ von Hitchcock war nichts dagegen!

Am Nachmittag haben wir dann noch unsere Sachen für die weitere Reise sortiert nach dem Motto „schmutzige Wäsche in die Dachbox, saubere Wäsche in den Kofferraum“.

Am Abend lernten wir noch ein Ehepaar aus Wilhelmshaven kennen, das ebenso wie wir eine Rundreise durch Norwegen von Hotel zu Hotel machte. Wir hatten genügend Gesprächsstoff.

Ach ja, Sonnabend: „drikkedag“ – auch in Vadsø, wo aus einem Lokal die Musik entsprechend laut über die Straßen schallt untermalt von ebenso lautstarken „Unterhaltungen“ die – man glaubt es kaum – schon um 03.00 Uhr morgens enden. Gute Nacht!
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Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon Ronald » So, 31. Jul 2016, 17:35

Teil 25

Sonntag, 16.06.2013
Kjølnes Leuchtfeuer – Zur „Chorprobe“ nach Berlevåg –
Das nördlichste Glasstudio der Welt – Dünen am Eismeer

Nachdem wir uns am Sonnabend ausgeruht und vom Möwenangriff erholt hatten, ging es nach einem guten Frühstück um 10.40 Uhr auf den Weg nach Berlevåg. Wir wollten auf der Fahrt dorthin den Leuchtturm Kjølnes besuchen, den wir vorher lediglich von den Hurtigruten-Schiffen gesehen hatten. Überhaupt hatten wir auf dieser ausgedehnten Norwegen-Reise vor, möglichst viele Leuchtfeuer zu besuchen und zu fotografieren.

Ebenso stand auf unserer Liste der „anzulaufenden Sehenswürdigkeiten“ das nördlichste Glasstudio der Welt – auch wenn so ein Anlaufpunkt für uns gefährlich wird, was die möglichen „Mitbringsel“ angeht.

Der Ort Berlevåg wurde u.a. durch den Film „Heftig og begeistret“ (heftig und begeisternd) aus dem Jahr 2001 bekannt. Es ist ein berührender und sehenswerter Dokumentarfilm über den Männerchor von Berlevåg, der zu Konzerten auf der ganzen Welt reiste.

Das Wetter war an diesem Tag ein typischer Junitag auf der Varanger-Halbinsel, um 5 bis 9° bei wechselnder Bewölkung mit zeitweiligem leichten Regen.

Zunächst ging es am Varangerfjord und Varangerbotn vorbei nach Tana und dann auf dem Austertanaveien, dem FV 890 nach Norden. Von der Varangerseite hat man eine sehr gute Sicht auf die ausgedehnten Sandbänke der Tanaelv oder „Deatnu“ wie sie auf Samisch heißt.

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Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Tana schiffbar gewesen sein sollte, was ich mir aber angesichts der Sandbänke nicht vorstellen konnte. Dafür soll die Tana einer der lachsreichsten Flüsse Norwegens sein.

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Angler auf der Tana mit dem landestypischen Boot

Die Straße führte eng an den Felsen vorbei. Bereits nach einer weiteren halben Stunde befanden wir uns im Kongsfjordfjellet, das an seinem höchsten Punkt 326 m über dem Meeresspiegel liegt oder, wie es hier heißt „opp hav“. Aber die Höhe besagt ja wenig, wie wir am Ifjordfjellet gesehen haben.

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Links und rechts der Straße die durch eine weite Ebene führt, kamen wir an Seen vorbei, an deren Rändern der noch gefrorene Schnee lag – und das Mitte Juni.

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Nástejávri – Stjernevannet - Sternensee

Den zweitgrößten See auf dem Kongsfjordfjellet, der 4,8 qkm große Geatnjajávri, liegt auf 229 m über dem Meeresspiegel und diesen überfuhren wir auf einer Brücke, die für uns aber nicht auf den ersten Blick ersichtlich wurde.

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Lavvo Geatnjajávri

Aus dem Geatnjajávri wird die bei Berlevåg in die Barentssee mündende Kongsfjordelva gespeist. Überhaupt ist das Kongsfjordfjellet von einer Vielzahl von Bächen und Flüssen durchzogen. Das ist aber angesichts der Massen von Schnee, der hier im Winter fällt, auch logisch oder?

Um 14.00 Uhr erreichten wir Kongsfjord Landhandel und den Ort Veidnes. Kongsfjord Landhandel geht zurück auf das Jahr 1900 und die Einrichtung wurde soweit wie möglich originalgetreu restauriert – so die Aussage auf deren Webseite. Beim nächsten Mal werden wir dort halten, denn dann wollen wir ohnehin in Berlevåg Station machen.

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Kongsfjord Landhandel

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Bua – Kongsfjord

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Veidnes

Der Teil des FV 890 zwischen Kongsfjord und Berlevåg wird auch als „Eismeerstraße“ bezeichnet, da sie direkt an der Barentssee, dem Eismeer an der Küste entlang führt.

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Eismeerstraße

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Bizarre Formationen an der Eismeerstraße

Am Sandfjorden stießen wir auf eine Sumpflandschaft als auch auf Sandstrand – ein irrer Kontrast.

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Erosionen am Sandfjorden

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Sumpflandschaft am Sandfjorden

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Strand am Landschaftsschutzgebiet Sandfjorden

Wenn man sieht, wie die türkisfarbenen Wellen an das Ufer rollen, kann man sich schon vorstellen, warum dies das Eismeer ist.

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Eismeer bei Kjølnes

Nun kam auch der Leuchtturm Kjølnes in Sicht.

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Die Leuchtfeuerstation Kjølnes

Die Station liegt auf einer schmalen, in die Barentssee ragenden Landzunge an der Einfahrt nach Berlevåg. Das erste einfache Leuchtfeuer wurde dort 1900 errichtet. Der 1916 errichtete gusseiserne Turm ist beim Rückzug der Deutschen vollständig ausgebrannt. Die gesamte Anlage, sowohl der hohe, vierkantige Betonturm als auch die übrigen Gebäude, wurden 1949 errichtet. Noch bis 1957 wurde das neue Leuchtfeuer mit Paraffin gespeist, denn erst ab 1957 wurde Kjølnes mit elektrischem Strom versorgt.

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Kjølnes Leuchtfeuer

Erst zwei Jahre später konnte die Station mit dem Auto erreicht werden; vorher wurden alle Versorgungsgüter, einschließlich der Baumaterialien für den Wiederaufbau, mit dem Schiff transportiert und dann mit der wohl nördlichsten Bahn Festlandeuropas zur Station transportiert. Übrigens, die wohl nördlichste Eisenbahn der Welt fuhr in Ny-Ålesund auf Spitzbergen für den damaligen Kohleabbau.

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Nördlichste Bahn Festlandeuropas

Knapp 5 km weiter westlich liegt der Ort Berlevåg, den wir zur Kaffeezeit erreichten.

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Berlevåg

Allerdings, es war Sonntag und auch Berlevåg Camping hatte wohl nicht geöffnet. Wir hatten aber auch nicht gefragt. Dafür waren wir überrascht, dass das „Arctic Glasstudio“ geöffnet hatte. Die Inhaberin, die Schweizerin Daniela Salathé war dabei neue Kunstwerke aus Glas zu schaffen. Wir waren sofort gefangen von den Formen und Farben, welche die Arktis, das Meer und die Farben der Finnmark widerspiegelten. Meine Frau hat in ihrem Bericht geschrieben:
Wir können uns gar nicht losreißen und kaufen natürlich das eine oder andere Stück für uns sowie Familie und Freunde. So hat sich der Besuch doch gelohnt, denn ich hatte die Befürchtung, dass wir unverrichteter Dinge wieder abziehen müssten weil Sonntag war.“

Da wir nach der Reise Großeltern wurden haben wir natürlich auch den Glasschmuck gekauft, der jetzt bei der Enkelin und den anderen Enkeln am Fenster hängt.

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Wir unterhielten uns noch lange mit Daniela Salathé und erfuhren, dass sie mit einem Deutschen verheiratet ist, der den dortigen Campingplatz und das Pensionat betreibt. Dort werden wir das nächste Mal Station machen.

Ach ja, gefragt nach dem „Berlevåg Manskor“ und der Geschichte „Heftig und begeistert“ schmunzelte sie und erzählte uns, dass dieser wieder einmal auf der Reise war. Schade, war ich doch extra zur Chorprobe gekommen!

Hier ist eine Kostprobe: https://www.youtube.com/watch?v=7dofj34Veg4

Berlevåg ist einer der Häfen der Hurtigrute, der erst seit 1975 direkt vom Schiff angelaufen werden kann, denn erst dann wurde die aus 15 Tonnen schweren Tetrapoden bestehende Mole gebaut.

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Tetrapode der Hafenmolen

Vorher wurden die Passagiere und die Güter in abenteuerlicher Weise mit kleinen Booten vom Schiff abgeholt und hingebracht. Und die Straßenverbindung über den FV 890 besteht erst seit 1959, die auch erst seit 1980 in Kolonnenfahrt auch im Winter befahrbar ist. Ein raues Leben am Außenposten der Finnmark in einer unglaublich faszinierenden und abwechslungsreichen Landschaft.

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Berlevåg

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Wegweiser zu den Fischbänken

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Mehr Möwen als Einwohner

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Nächster Fang

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Berlevåg Hafeneinfahrt

Etwa eine Stunde später machten wir uns auf den Rückweg. Immerhin lagen wieder 202 km vor uns. Wir fuhren am Løkvikfjellet am Sandfjord, der dortigen Dünenlandschaft, den Fischerbbuden und der alten Gamme, der Øster Styrelva und an bizarren Felsformationen vorbei.

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Løkvikfjellet am Sandfjord

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Dünen bei Sandfjord

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Fischerbuden und Gamme

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Øster Styrelva

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Bizarre Felsformation am FV 890

Kaum waren wir wieder im Fjell angekommen, standen dort erst eins, zwei, nein eine Hundertschaft von Rentieren mit ihren Jungen auf dem Fjell und auch auf der Straße

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Es zeigte uns, dass in Berlevåg nicht nur mehr Möwen als Einwohner sind sondern das Kongsfjordfjellet mehr Rentiere als Autos aufzuweisen hat, denn auf einer Distanz von 165 km (!!!) ist uns nicht ein einziges Fahrzeug entgegen gekommen.

Doch plötzlich kam Panik auf: Rush hour im Kongsfjordfjellet – zwei Autos kamen uns entgegen!

Die Sonne kam auch durch und beleuchtete das Fjell und die Schneepatschen.

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Gegen 19.00 Uhr waren wir wieder im Hotel und es folgte die Fortsetzung „Abenteuer Hotelzimmer“. Das Bett war zwar gemacht, aber die Oberdecken einfach hingeworfen. Das Bad war nicht sauber und die Ersatztoilettenpapierrolle fehlte. Ich machte Fotos, zeigte diese an der Rezeption, die unsere Beschwerde an die Managerin weitergeben wollte. Da auch hier zunehmend Servicekräfte aus Osteuropa zu wohl geringen Löhnen beschäftigt werden, kann man nur sagen: „If you pay peanuts, you get monkeys.“

Am Abend wird es noch einmal spannend. Aber hier zitiere ich meine Frau:

ZITAT
Wir sehen uns gerade in unserem Zimmer die heute geschossenen Fotos an, da hören wir ein knallendes Geräusch. Ronald geht ans Fenster und sieht, wie zwei Männer im Haus gegenüber eine Scheibe eingeschlagen haben. Er geht runter, doch da ist bereits der örtliche Sozialdienst und Polizei da. Ich beobachte von oben, wie der Hotelkoch, der wohl jetzt Feierabend hat, über die Straße gehen will und dort von den beiden Einbrechern angegriffen wird. Der Koch rennt so schnell er kann wieder zurück ins Hotel, die beiden Männer entfernen sich ohne Eile. Genauso ohne Eile reagieren Polizei und Sozialarbeiter: „Die kennen wir schon. Das sind zwei drogenabhängige Fischer, die in der Nähe wohnen. Die kriegen wir noch.“ Der Polizist sagt aber zu Ronald, dass man keine Wertsachen im Auto lassen sollte. Das tun wir sowieso nicht, aber diese Bemerkung sagt doch alles:
ZITATENDE

Ganz schön aufregend der Tag. Aber wieder ein sehr schöner Tag voller großartiger Landschaftseindrücke. Auch wenn es – für Norwegen – eine lange Fahrtstrecke war: Über 400 Kilometer.
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Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon skandinavian-wolf » So, 31. Jul 2016, 18:56

Och ja, da kommen Erinnerungen hoch an unsere Tour. Manches haben wir ja auch dank Deiner Tipps gesehen bzw. angeschaut. Z.B. das Glasstudio. Eine Erinnerung hängt jetzt bei meiner Mutter.
Danke, Ronald.
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Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon Dixi » So, 31. Jul 2016, 19:52

Hallo Ronald,
ein sehr schöner Bericht. Vielen Dank.
In 3 Wochen werden wir auch zwischen Varanger-Halbinsel und Lyngenfjord in der Finnmark unterwegs sein.
Schau mer mal wie das Wetter wird.
Und ja :roll: über das Ifjordfjell also die 98 wollen oder müssen wir auch.
Mal sehen wie da der aktuelle Stand mit der Baustelle ist :roll: :roll:

Viele Grüße
Dixi
Meide Orte schöner Erinnerungen !
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Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon syltetoy » So, 31. Jul 2016, 22:54

Herrlich ....tolle Sache mit den Glasbildern ...freu mich schon auf die nächsten Fotos und Berichte

Da wären viele Sachen für die Rätselecke dabei ;)
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Re: Von Halstenbek nach Hamningberg - wo Norwegens Straßen e

Beitragvon Heidrun » So, 31. Jul 2016, 23:12

Das finde ich ja schön, daß Du an deinem Reisebericht weiterschreibst. :D
Obwohl ich früher die ersten Kapitel schon mal gelesen hatte, werde ich mir in der nächsten Zeit noch einmal alles von Anfang an zu Gemüte führen. Habe jetzt erst mal nur auf die Schnelle reingeschaut und freu mich schon auf Deine komplette Reise.
Schöne Grüße und Danke, Heidrun
Heidrun
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