von Chris665 » Do, 27. Aug 2009, 10:06
Hallo Kai,
wir sind Womofahrer und bewegen uns langsam und genießend (Wanderungen und Besichtigungen), aber doch eben stetig weiter, von daher sind wir vielleicht nicht die besten Ratgeber für einen stationären Urlaub!? Am Hardangerfjord vielleicht Lofthuscamping als Basis und "Drehscheibe"?
Um Oslo herum und nördlich davon erschien es uns vergleichsweise "langweilig", so dass wir immer in´s Fjordland oder in den Norden streben, wenn wir schon mal so weit gefahren sind. Aber das "Langweilige" ist vielleicht für andere erholsam, weil eben nicht die Tourimassen durchschieben und man authenisches Alltags-Norwegen erleben kann, wer weiß?
Was wir grobe Richtung Lillehammer bis Trondheim auf unserer Tour "Zu den Lofoten über RV 17" (Forum-Rubrik "Pa Tur i Norge", Seite 2) erlebt haben, hab ich hierher kopiert, in der Hoffnung, ein bisschen beizutragen.
Viele Grüße, Chris
"... Nach Trondheim ist es über Elverum ca. 40km kürzer als über die E6 (dazu noch vor Hamar rechts abbiegen. Doch wollen wir diesmal Lillehammer und vor allem das große Freilichtmuseum Maihaugen besichtigen, das wir schon so lange auf dem Zettel haben. Dann machen wir noch ein paar Schlenker links und rechts der E6, denn diesen Teil Südnorwegens haben wir bisher ausgelassen, weil die Fjorde, Wasserfälle und Gletscher im Westen soviel spannender sind. Der erste Schlenker führt uns über die 255 direkt in die Hölle. So wird eine finstere Felsschlucht mit riesigen Mahltöpfen genannt, die sich ein Fluss vor Zeiten dort gegraben hat. Später hat ein Erdrutsch dem Fluss eine neue Richtung gegeben, und so kann man heute in die (bis auf ein kleines Bächlein) trockengefallene Schlucht hinunterkraxeln und ihr ein Stück weit folgen. Die Familie, der das Gelände oberhalb gehört, legt nach und nach einen Spiel- und Tierpark für Familien an. Die teils schmale Straße führt an schönen traditionellen Gehöften vorbei und trifft bei Vinstra wieder auf die E6. Etwa 25km weiter nördlich bei Nord-Sel zweigt rechts ein Weg zur Mysuseter-Hütte im Rondane-Nationalpark ab. Wir fahren bis zur Schranke, an der die Mautstraße zur Hütte beginnt (Einwurf der Maut in ein Kästchen), parken aber davor, denn wir wollen nur bis zu den „Kvitskriuprestene“, den „kreideweißen Priestern“, und das schaffen wir zu Fuß. Eine Viertelstunde auf dem Fahrweg gehen, dann ebenso lang, aber sehr steil hoch zu den weißen Säulen steigen, die jeweils von einem Stein gekrönt sind, der sie solange vor der Auswaschung durch den Regen schützt, bis er eines Tages herunterfällt. In Dovre biegen wir schon wieder nach rechts ab (dann gleich noch mal rechts, dann links, über die Bahn, später links über die Brücke und fahren über den Höhenweg mit herrlichen Fernblicken, vorbei am alten Königshof Tofte, um kurz vor Dombas wieder zur E6 zu stoßen. Dort geht´s hoch auf´s Dovrefjell Richtung Trondheim. Der Gasthof „Dovregubbens Hall“ ist ein uriges bis kitschiges „Kann“, aber „Kongsvoll“ ist ein „Muss“ für uns wegen des wunderschön angelegten Gebirgspflanzengartens.
Trondheim kommt uns so vor, als seien wir gar nicht weg gewesen. Wieder hängt das Kränzchen an der Olafsfigur am specksteinernen Dom, wieder finden gerade die „Olafsfestdagene“ statt. Dieselbe Mittelalterband spielt im Erkebispegarden beim Kunsthandwerkermarkt, wir kaufen bei derselben liebenswürdigen, alten Bäuerin auf dem Marktplatz Himbeeren und Gemüse, nur die kostenlosen Konzerte vor dem Britannia-Hotel werden dieses Jahr von anderen Künstlern bestritten. Wir radeln über die alte Brücke mit den hölzernen, verzierten Bögen und haben Glück: Am Fahrradlift, der den steilen Anstieg Richtung Zitadelle erleichtern soll, übt ein junges Schweizer Pärchen, das hier studieren will. Gar nicht so einfach! In den Pausen, in denen sie frustriert verschnaufen, dürfen wir ihre Liftkarte benutzen. Aber wir schaffen es nicht. Ein Trittbrett nach dem anderen kommt aus dem Boden, wieder und wieder scheitern wir daran, alles auszubalancieren und uns den Berg hinauf schieben zu lassen. Aber die Schweizer haben schon ganz gute Ansätze, sie werden es auf die Dauer hinkriegen. Viel Glück dann auch beim Studium! Im Freilichtmuseum Sverresborg, das sich um Überreste der alten Burg gruppiert, gastieren im Rahmen der Olfsfestdagene russische Musiker, ein Genuss! Wir schließen uns einer Führung an. In der winzigen Stabkirche schließt unsere deutschsprachige Führerin die Türen hinter sich, und wir bekommen einen Eindruck davon, wie es damals da drinnen war – stockfinster. Dann entzündet sie eine Kerze, hält sie vor sich, so dass ihr Gesicht wunderschön beleuchtet wird, und singt ein uraltes Kirchenlied - zauberhaft. Unvorsichtigerweise verrät sie uns, dass sie Europawissenschaften studiert. Natürlich muss sie sich dann gleich der Frage aus der Gruppe stellen, ob sich Norwegen nun Europa zugehörig fühlt oder nicht. Eine spannende Diskussion folgt. Schon öfter kam uns in Skandinavien unsere mitteleuropäische Heimat weit, weit weg vor, und wir spürten, dass sich die Leute hier oben viel eher an ihren skandinavischen Nachbarn und England orientieren..."