„There is lots of ice!“
Nordostgrönland – Expedition Nordmeer 2015
Montag, 1. September – Teil 2 – Kejser Franz Josef Fjord oder Foster Bugt?Nach dem Mittagessen – sehr aufmerksam seitens der Schiffsführung - verließen wir unsere Driftposition in der Myggbukta. Die FRAM trieb also an der „Haltestelle“, positioniert durch Bugstrahl und Azithrust-Propeller. Ich selbst hatte keine Ahnung über die Beschaffenheit des Ankergrunds dort, nahm aber auch an, dass die Ankerwinde beim Hieven des Ankers behindert durch ziemlich massive von Treibeisschollen ungewöhnlich hoher Belastung ausgesetzt gewesen wäre. Na ja, jedenfalls sollte es jetzt in den Kejser Franz Josef Fjord gehen – sollte. Denn zunächst galt es den Treibeisgürtel in der Foster Bugt zu überwinden.



Wohin man auch sah: Überall Eisschollen, kleinere, größere, ganz große. Eisschollen, die sich schon übereinander geschoben hatten, ein erstes Zeichen von Packeis.






Obwohl sich der Himmel bezogen hatte, schillerten die unter Wasser befindlichen Schollen in allen Farben: Blau, Türkis, Hellblau. Und in genau diesen Tönen haben wir beim Glasstudio „unseres Vertrauens“ in Berlevåg Segelschiffe bestellt, die wir auf unserer nächsten Norwegen-Reise in Empfang nehmen können.


Jetzt „rumpelte und pumpelte“ es fast ununterbrochen, wenn die FRAM entweder mit ihrem Bulbsteven die Eisschollen durchbrach oder wenn die Eisschollen entlang des Rumpfes scheuerten.

Die Foster Bugt zwischen Hold of Hope und Bontekoe Ø gelegen, wurde von Douglas Clavering
https://de.wikipedia.org/wiki/Douglas_Charles_Clavering1823 als Foster’s Bay benannt, in Würdigung seines Unteroffiziers Henry Foster, der auch die Seekarten dieser Gegend zeichnete. Foster nahm auch an der dritten und vierten Arktis-Reise von William Parry teil, ertrank aber 1831 anlässlich einer anderen Expedition. - Die Insel Bontekoe Ø in der Foster Bugt soll nach einem niederländischen Walfangschiff benannt worden sein, das diese Insel zuerst sichtete.
Die große Halbinsel Hold with Hope wiederum ist die älteste Stelle, die in Grönland 1607 von Henry Hudson in Anlehnung an sein Schiff HOPEWELL benannt wurde, ebenfalls ein Walfänger.
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Die Eisschollen wurden immer größer und dichter, so dass die FRAM wieder – aber ganz sachte – ihren Bulbsteven einsetzen musste. Im Gegensatz zu Eisbrechern, die sich mit ihrem runden Steven auf das Eis schieben und dann durch Befüllen der vorderen Ballastwassertanks teilweise meterdickes Eis „brechen“, fährt die FRAM mit ihrem Steven „unter“ die Eisschollen und bricht diese durch ihre Vorwärtsfahrt.




In einiger Entfernung konnten wir wieder eine Eisscholle von der Größe eines Tafeleisberges ausmachen.

Vor dem Ufer in Richtung der bis zu 1.200 m hohen Giesecke Bjerge lag ein dicker, undurchdringlicher Eisgürtel.

Ab und zu sahen wir nun auch kleinere Eisberge, die wohl von Gletscherabbrüchen aus dem Kejser Franz Josef Fjord stammen konnten.


Aber diese wohl nicht, denn ihre Oberfläche war zu glatt.
Und dazwischen immer wieder Eisschollen mit türkisfarbenem „Unterwasserschiff“.





In einer Eisscholle befanden sich in der Mitte im „Pool“ schwarze Gletscherabriebsedimente.

„Rummms“ – die nächste Scholle wurde gebrochen.



Wir “hingen“ mit unseren Kameras fast ununterbrochen über der Verschanzung, um diesem faszinierenden Schauspiel zuzusehen und mit der Kamera festzuhalten.



Diese Eislandschaft war unglaublich beeindruckend.



Wenn wir dann eine freie Wasseroberfläche antrafen, spiegelten sich die Wolken unglaublich schön im Wasser.


Auf unserer „Schlängelei“ durch das Treibeis konnten wir auf der Backbordseite den auf der Insel Ymers Ø gelegenen, 1426 m hohen Celsius Bjerg ausmachen, dessen Gipfel leider von Wolken umhüllt wurde.

Jetzt konnten wir auch den am Eingang zum Fjord liegenden – oder treibenden? - Tafeleisberg besser sehen.

Plötzlich hörte ich ein Plätschern. Ruck-zuck, die Kamera draufgehalten, Belichtungszeit 1/2000 Sekunde, klick-klick-klick

Und schon war sie wieder weg

Es war eine Klappmütze, die einmal ganz kurz ihren Kopf aus dem Wasser hob und dann wieder abtauchte. – Glück gehabt!!
https://de.wikipedia.org/wiki/Klappm%C3%BCtzeAuf der FRAM ist der Kopf einer solchen Robbe im Ausstellungsbereich vor dem Restaurant zu sehen.
So ein Naturerlebnis etwas bekamen Passagiere, die um 16.30 Uhr im Panoramasalon saßen, ihren Nachmittagstee schlürften oder Sudoku lösten – ja davon gab es eine ganze Menge Leute – nicht mit.
Übrigens, auf norwegisch heißt die Klappmütze: storkobbe - große Robbe. Für manche unserer Weggenossen könnte man diesen Ausdruck auch anders auslegen: Sturkopf
Zwischendurch trieben wieder seltsame Eisformationen vorbei.


Haifischzähne???

Plötzlich entdeckte ich eine Eisscholle, auf der vorher eine Robbe ihre Runde drehte. Deutlich waren die Spuren ihrer Flossen zu sehen.

Wir konnten es gar nicht glauben: Das Treibeisfeld wurde dichter und dichter.

Und die FRAM hatte mächtig zu kämpfen



Dies war unsere Position –wir waren kaum von der Stelle gekommen.

Ein weiterer Eisberg tauchte auf


Dieser kam wohl vom Nordpol
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Nun kam die Durchsage von Steffen, dass die Fahrt in den Fjord abgebrochen wird, weil vor dem Fjordeingang ein undurchdringlicher Eisgürtel lag, der die Weiterfahrt unmöglich machte. „Wir sind alle überrascht über diese gewaltigen Eismassen“, ließ er uns wissen und fügte hinzu, dass die Eiskarten, die an das Schiff geschickt werden, schon Makulatur seien, bevor sie ausgedruckt sind. „Wir fahren zurück in offeneres Wasser und versuchen, durch die Hintertür in das Fjordsystem des Kejser Franz Josef Fjords zu gelangen.“
Zum Schluss kam noch ein „Eiskunstwerk“ vorbei.

Und beim Abendessen zeigte sich noch einmal kurz die Sonne und beleuchtete das Eisfeld.



Nach dem Abendessen begann Ina das tägliche „Abend-Briefing“ mit den Worten: „Wir haben da ein Problem. Und das wäre?“ Einhellige Antwort aller Anwesenden: „Eis“. Genau. Deswegen sahen sich das Expeditionsteam und die Schiffsführung außerstande die morgige Position und das Tagesprogramm vorherzusehen. Man werde uns aber über alle Änderungen auf dem Laufenden halten.
Wie hatte Kapitän Rune Andressen in Longyearbyen angemerkt? „There is lots of ice.“ Und das war so!
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Und nun wollen wir mal sehen, ob es so weitergeht!
Fortsetzung folgt.
@Astrid, Christina, Uwe und alle anderen: Vilen Dank für Eure netten Kommentare!!!
Gruß
Ronald