Ich bin den Besseggen schon im Oktober (Herbst), Februar (Winter) und Mai (Frühling) gegangen. In keiner der Jahreszeiten fährt ein Boot. Und das Beste: man teilt den Grat nicht mit tausend anderen. Allerdings kann das Wandern im Schnee ziemlich anstrengend sein. Gamaschen (evtl. Schneeschuhe / Skier) und gute Kondition werden vorausgesetzt

.
Es ist nämlich eine wunderschöne Tour, ab Bessheim (oder Gjendesheim) loszulaufen, über den Grat zu gehen und anschliessend entlang des Nordufers des Bessvatnet zurückzukehren (oder andersherum). Wobei der Auslauf der Besså aus dem Bessvatnet im Juni bei der Schneeschmelze tückisch sein kann, bevor die Brücke hochkommt. Aber wenn man sich da unsicher ist, kann man ja den Grat runter und wieder hoch und beide Wege über das Veslfjell gehen. Eine andere Möglichkeit, aber für die muss man entweder das Zelt mithaben oder sehr fit sein, wäre, ab Memurubu anschliessend am Ufer des Gjende entlang zurückzugehen. Aber das an einem Tag durchzuziehen, ist die Marathonvariante mit mind. 9,5 Stunden reiner Gehzeit.
Eins ist jedenfall totaler Blödsinn, und das ist zu behaupten, man könne den Besseggen nicht gehen, weil das Boot noch nicht fährt

(im Gegenteil: wenn das Boot nicht fährt, sind oft die schönsten Jahreszeiten für diese Wanderung, aber da braucht man einfach ein bisschen mehr Eigenständigkeit, muss mit einer topografischer Karte umgehen können und in der Lage sein, sich Variationen ausdenken. Der Grat an sich ist ja nur der eine Kilometer mitten auf der Strecke nach Memurubu, und man braucht also auf keinen Fall die gesamte Tour bis Memurubu zu machen, um den Besseggen zu gehen!).
Der Aufstieg über eine steile Felsstufe in der Schattenseite oberhalb von Gjendesheim auf dem Normalweg kann während der Schneeschmelze, wenn es nachts noch friert (und das kann Mitte Juni absolutt noch der Fall sein), wegen überfrorenem Schmelzwasser sehr unangenehm glatt sein. Entweder kann ein Eispickel da hilfreich sein (den sollte man Mitte Juni vielleicht eh mithaben, auch wenn man ihn aller Wahrscheinlichkeit nach nicht brauchen wird), oder ggf. muss man hier (aber das kann man sich ja zur Not vor Ort ansehen) den Umweg über den Bessosen gehen (ein kleines Stück zurück und dann auf dem markierten Weg in Richtung Glitterheim und dann ab Bessvatnet auf der Route von Bessheim Richtung Besseggen über das Veslfjell) oder gleich ab Bessheim starten.
Der Grat selber ist so steil und verblasen, dass da wenig Schnee liegen bleibt. Mitte Juni sollte der Grat an sich deshalb völlig freigetaut sein. Er liegt ja auch in der Sonne. Für uns stellte jedenfalls selten der Grat an sich die grösste Schwierigkeit bei Aussersaisontouren dar (und das eine Mal, wo er definitiv der Knackpunkt war, war vor drei Wochen, also jetzt Anfang Februar, weil es da sehr windig war und der Treibschnee sich als ganz dünne Schicht über die kalten Steine legte, was eine bedeutende Rutschgefahr mit sich führte. Da war halt dann die entsprechende Vorsicht absolut geboten). Aber auf der Tour im Oktober war so viel Schnee, dass er sehr gute, feste Tritte bot und das Ganze fast leichter als im Sommer war. Hier war es der Rückweg entlang des Bessvatnet in losem, kniehohen Schnee, der die anstrengendste Etappe war. Auf der Tour im Mai (das war übrigens Ende Mai) war das Veslfjell sehr anstrengend, da sehr tief verschneit und die Firnschicht war bereits zu dünn um uns zu tragen. Da sind wir bei jedem Schritt bis zu den Knien eingebrochen. Der Grat an sich war damals aber schon völlig schnee- und eisfrei und absolut unproblematisch zu gehen (bei der Tour sind wir hin und zurück ab Gjendesheim gegangen und auf dem Band unterhalb des Grates umgedreht, und das Steilstück oberhalb Gjendesheims war damals kein Problem).
Generell macht man diese Tour ja eh nur bei gutem Wetter (gern bei stabilem Hoch), und die Tour ist jedenfalls so anspruchsvoll, dass man mit Karte und Kompass umgehen können und auch Trittsicherheit und Schwindelfreiheit mitbringen muss. Eine entsprechende Ausrüstung ist auch Pflicht (fängt bei ordentlichen Lederwanderstiefeln an und hört bei wind- und regendichter Jacke und ggf. auch Hose, Handschuhen und Mütze auf). Hat man diese Voraussetzungen, sollte einen ein noch nicht fahrendes Boot an einem richtig schönen Vorsommertag Mitte Juni nicht stoppen können!
Es gibt jedenfalls zahllose Möglichkeiten, den Besseggen ohne Boot zu gehen (übrigens auch während der Sommersaison, wenn man den Menschenhorden möglichst fernbleiben möchte)! Der Besseggen ist nie "offen" oder "zu". Und man wird hoffentlich unterwegs selber einschätzen können, wann es an der Zeit ist umzukehren, falls man merkt, dass man die Gegebenheiten (Gelände oder Wetter) nicht meistert.
Zum Schluss sei vielleicht noch angemerkt, dass der Besseggen (egal auf welcher Route) mindestens 6 Stunden (da rechne ich entweder ab Gjendesheim bis zum Grat und runter und zurück oder die Tour von Gjendesheim bis nach Memurubu) reine Gehzeit dauert und 900 Höhenmeter hat. Bei der Retour entlang des Bessvatnet sollte man 7-8 Stunden rechnen. Ein Spaziergang ist es also unter keinen Umständen!